WirtschaftsWoche e-business 10/2001: Der letzte Tanz.de

WirtschaftsWoche e-business 10/2001, S. 106/107, 04.05.2001

Der letzte Tanz.de

>>> PINK-SLIP-PARTY. Sie war als Fest und Kontaktbörse für die Gefeuerten der New Economy gedacht. Doch statt neuer Jobs gab es für die wenigen Gäste nur billiges Bier.

Als um ein Uhr noch immer keiner das Tanzbein schwang, nahm sich Organisator Frank Lichtenberg ein Herz: Er stürmte das Parkett und tanzte wild zu dem James-Brown- Klassiker "Sexmachine". Doch außer zwei gemieteten Go-go- Girls konnte der Chef der Startup-Firma Snacker.de keinen Gast auf der Pink- Slip-Party zur Nachahmung animieren. Auch der Blick durch Lichtenbergs rosa Sonnenbrille, die er passend zum Motto des Abends trug, konnte nichts beschönigen: Die Party für die Entlassenen der Berliner Startups war ein Flop. Kaum jemand hat den Weg in die Reinbeckhallen im Berliner Stadtteil Treptow gefunden. Die meisten blieben im Zentrum, wo sie in der Nacht zum 1. Mai rauschende Straßenfeste feierten.

"Ich bin enttäuscht", gibt Veranstalter Lichtenberg zu. Auch finanziell war die Party ein Flop. Mit 25 000 Euro hat Lichtenberg den Abend vorfinanziert und kaum Sponsoren gefunden. Dabei hatten sich 640 Besucher auf der Party- Web-Site angemeldet. Gekommen sind dann aber nur ein paar Dutzend, wie etwa die Web-Designer und Programmierer Helge, Sebastian und Holger. Ihre Nachnamen verschweigen die drei, weil die Insolvenz ihres Startups noch nicht offiziell ist. Sie sind nur die Vorhut von 90 Leuten, die bald entlassen werden.

Wenigstens eines hatte die deutsche Party mit ihrem Vorbild in den USA gemeinsam: Es kamen genauso viele Journalisten wie Entlassene. So kam trotz des Dumping-Bierpreises von drei Mark inmitten der Kameralichter nur wenig Stimmung auf. Doch Lichtenberg will weitermachen. Nur soll die nächste Party in Frankfurt bescheidener werden.

Vielleicht ist der Veranstalter dann bereits selbst auf Jobsuche. Lichtenbergs Firma Snacker hat ihre halbe Million Euro Risikokapital bereits zu 80 Prozent verbraucht. 20 000 Euro verbrennt das Startup jeden Monat. Die Folge: Jeder zweite Angestellte musste bereits entlassen werden. Wenn Lichtenberg nicht bald eine neue Geldspritze bekommt, muss seine Firma schließen. Altinvestor IVC Venture Capital soll schon abgewunken haben.

Markus Göbel m.goebel@vhb.de

Die Party der Gefeuerten

Pink-Slip-Partys werden in den USA seit Juli regelmäßig gefeiert. In San José im Silicon Valley treffen sich alle zwei Wochen zweitausend Leute der New Economy, um ihren Rausschmiss zu begießen und ganz nebenbei mit Headhunternund Firmenchefsüber ihren nächsten Job zu plaudern. Benannt sind die Partys nach den rosafarbenen Entlassungspapieren, genannt "Pink Slips", die früher Arbeiter bei Ford in ihrer Lohntüte vorfanden, wenn sie gefeuert waren. Frank Lichtenberg will alle zwei Wocheneine Pink-Slip-Party in den vier wichtigsten New-Economy-Zentren Deutschlands, Berlin, Frankfurt, München und Hamburg, feiern. Die Termine: 17. Mai: Frankfurt (Palast der Republik), 31. Mai: München (Nachtwerk), 14. Juni: Hamburg (ACD), 28. Juni: Berlin (Reinbeckhallen), 12. Juli: Frankfurt (Palast der Republik), 26. Juli: München (Nachtwerk) und 9. August: Hamburg (ACD).

Bildunterschriften:

Frank Lichtenberg:Der Veranstalter tanzt zum Rhythmus von James Brown. Weil keiner auf die Tanzfläche wollte, mussten die Go-go-Girls einspringen.

Einchecken zur Pink-Slip-Party:Christina Buck, 35, wurde im Januar von Tadoro.de entlassen. Sie war die Marketingchefin eines Startups, das mit leicht verständlichen Anleitungen für komplizierte elektronische Geräte Geld verdienen wollte.

Auf der Jagd nach Angestellten:Christian-Cornelius Weiss, 25, Mitgründer von Project49, braucht 19 Angestellte für sein Berliner Startup. Die Suche ist schwierig, weil er noch nicht verraten will, womit die Firma sich beschäftigt. Auf jeden Fall hat es etwas mit den beiden Signalworten "Wireless" und "Enabling" zu tun. Das Geheimnis soll Ende Juni gelüftet werden. Gesucht sind vor allem Programmierer für Java und C++.

Frustration auf dem T-Shirt:Christian Cartus, 31, arbeitete als so genannter Director Innovation Center beim Inkubator Atrior, der seit 1. April nur noch auf dem Papier existiert. Der Informatiker bekommt pro Woche drei Jobangebote.

Pink slipped mit 49 Jahren:Die studierte Philosophin Ursula Theissen war Customer Care Manager bei Tool42.com und nahm am Telefon Nutzerbeschwerden entgegen. Nach nur einem Jahr war für sie Schluss bei der Firma. Das Startup hatte eine neuartige Technik entwickelt, die Bewegungen von Web-Site-Besuchern verfolgen kann. Die Mutterfirma Icon Media Lab verleibte sich die Firma ein und übernahm nur die Techniker.

Programmierer Alexander Wiederhold:Für den 34-Jährigen ist die Pink-Slip-Party "der Flop des Jahrtausends. Wenn ich aus zu Hause dem Fenster schaue, sehe ich mehr IT-Experten als hier." Weil er sich verschaukelt fühlte, verließ er im Dezember den Web-Hoster Ision und gründete seine eigene Firma. Ision hatte ihn als Projektleiter extra von Nürnberg nach Berlin geholt. Leider gab es in der Hauptstadt keine Projekte für ihn.

Entlassen vom Studentenportal Allmaxx:Martin Flamm, 31, und Susanne Rumpe, 31, waren am 1. März dabei, als 14 Leute gehen mussten. Flamm war Leiter der Unternehmenskommunikation und zum Zeitpunkt der Kündigung krank geschrieben. Rumpe war Vertriebsleiterin für Süddeutschland und noch in der Probezeit. Sie erfuhr von ihrer Entlassung zufällig in einem Gespräch und musste nach der anschließenden Betriebsversammlung gehen.

Die Vorhut eines vielköpfigen Entwicklerteams (v.l.n.r.):Helge, 36, Holger, 35, und Sebastian, 29, dürfen noch nicht enthüllen, welches Startup sie bald entlassen wird. "Wenn nicht nächste Woche ein Käufer gefunden wird, müssen wir Insolvenz anmelden", soll der Geschäftsführer gesagt haben. Web-Designer Helge sieht die gefloppte Party mit Humor: "Umsonst feiern macht Spaß!" Quereinsteiger Sebastian plagen hingegen Sorgen um seine Zukunft.

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