WirtschaftsWoche e-business 10/2001: Käufer-Check

WirtschaftsWoche e-business 10/2001, S. 61, 03.05.2001

Käufer-Check

>>> Bonitätsprüfung. Onlinehändler sammeln sensible Daten. Die Firmen wollen wissen, ob ihre Kunden zahlen können.

Kilian Lenard ist sauer. Der Otto Versand hat dem Anwalt und Chef des Web-Beratungsunternehmens Cyber-Submarine die Geburtstagsüberraschung für seinen Onkel vermurkst. Mit der Gummibadeinsel Aloha für 79,95 Mark wollte der ehemalige Geschäftsführer des Startup-Verbands E-Nef seinen Onkel Ralf zum Sechzigsten erfreuen. Nur eine Minute nach der Bestellung bekam Neffe Kilian, 32, eine E-Mail, die ihm Lieferung binnen 24 Stunden verhieß – vier Tage vor dem Geburtstag.

24 Stunden verstrichen – keine Badeinsel. Nach einer Woche bekam Lenard einen Brief: "Auf Grund unserer Kreditbestimmungen ist eine Belieferung an Sie nicht möglich. Bitte wenden Sie sich schriftlich an unsere Abteilung Neukunden." Die Hürde, an der Lenard bei seinem ersten Versuch auf Otto.de gescheitert war, heißt Bonitätsprüfung. "Wir sammeln seit Jahrzehnten Daten über die Zahlungsmoral unserer Kunden", erklärt Otto-Sprecher Uwe Wolter. Jede Bestellung wird geprüft, egal, ob sie per Web, Telefon oder Post eingeht. Auch Quelle und Neckermann horten Millionen von Nutzerdaten. Neukunden dürfen m eist nicht auf Rechnung kaufen, sondern nur gegen Vorkasse oder Nachnahme. Bezahlung per Kreditkarte lassen die Versandhäuser meist sowieso nicht zu. Allen gemeinsam ist: Sie sprechen nicht gern über dieses Thema.

Schwarze Listen

Junge Onlineversender sehen die Überprüfung lockerer. "Amazon.de führt keine Bonitätsprüfungen bei Bestellungen durch", sagt Ralf Kleber, Finance Director beim Onlinebuchversand Amazon. Meist fehlen den Online-Shops Daten, aus denen sie auf das Zahlverhalten ihrer Nutzer schließen können. Dabei ist die Überprüfung in Sekundenschnelle möglich: Externe Dienstleister wie Creditreform Experian, Infoscore oder Schufa bieten Onlineabfragen für eine bis fünf Mark an. Nachdem ein Kunde im Web-Shop seine Daten eingegeben hat, wird im Hintergrund das Zahlungsrisiko abgefragt und die passende Bezahlmethode vorgeschlagen.

Das Risiko berechnet die Prüfungssoftware aus Daten von Amtsgerichten oder aus schwarzen Listen der Online- Shops. Jeder angeschlossene Shop meldet seine Problemkunden. Nutzern muss von all dem nichts mitgeteilt werden. Das Datenschutzgesetz gesteht den Web-Shops ein "berechtigtes Interesse" zu, weil sie bei Bezahlung auf Rechnung in Vorkasse gehen. Weiß ein Onlinehändler noch nichts über einen neuen Kunden, greift oft das so genannte Geo – scoring: Deutschland ist in imaginäre Waben mit durchschnittlich sieben Haushalten eingeteilt. Jeder Wabe ist ein Zahlungsrisiko zugeordnet. Wer in der falschen Nachbarschaft wohnt, muss im Zweifel per Vorkasse zahlen.

Manchmal fallen dabei die Falschen durchs Raster. Kilian Lenard verdient zwar im sechsstelligen Bereich, doch eine Badeinsel für knapp 80 Mark durfte er nicht kaufen.

Markus Göbel m.goebel@vhb.de

Bonitätsprüfer online

>> Schufa sammelt seit 1927 Bonitätsdaten und hat Informationen über 56 Millionen Personen gespeichert. Bekommt jede Kontoeröffnung in Deutschland, jeden Kredit und jeden Handy-Vertrag gemeldet.

>> Infoscore bietet eine Bonitätsprüfung an, die sich einfach in Shop-Systeme von Intershop, Beans oder Openshop integrieren lässt. Verwendet bei Tchibo, Mytoys oder Douglasbeauty.

>> Creditreform Experian ist der drittgrößte Bonitätsprüfer in Deutschland. Kennt aber nach eigenen Aussagen jeden Verbraucher mit nicht ausreichender Bonität.

>> Wire Card lässt Online-Shops den gesamten Bezahlvorgang samt Bonitätsprüfung auslagern. Die Prüfung erfolgt über Experian oder den US-Anbieter Cybersource. Verwendet beim Ticket-Service CTS Eventim oder bei 1-2-Snap.

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