WirtschaftsWoche e-business 12/2001: Googles Kopf

WirtschaftsWoche e-business 12/2001, S. 28/29, 29.05.2001

Googles Kopf

>>> MONIKA HENZINGER, Googles Chefentwicklerin aus der Oberpfalz, ist einer der Gründe dafür, dass die Suchmaschine weltweit beliebt ist.

Als Kind wollte Monika Henzinger Astronautin werden. „Doch als die Challenger explodierte, änderte ich meine Meinung“, sagt sie. Eine gute Entscheidung. Heute ist Henzinger der wichtigste Kopf der größten Suchmaschine der Welt: Google. Das einflussreiche Branchenblatt „The Industry Standard“ hat die 35-Jährige gerade in die Liste der 21 einflussreichsten Persönlichkeiten der Internet- Wirtschaft aufgenommen.

Henzingers guter Ruf ist hart erarbeitet. Der Weg von Weiden in der Oberpfalz ins Silicon Valley war weit. „Die USA ist das Größte für Informatiker“, sagt Henzinger in breitem Bayerisch und freut sich, dass sie bei Google ei- ne Herausforderung fand. Denn eigentlich wollte sie in Saarbrücken bleiben, wohin sie schon mit 33 als Professorin berufen worden war.

Bereits während ihres Informatikstudiums in Erlangen und Saarbrücken gehörte Monika Henzinger zu den Hochbegabten, die von der Studienstiftung des Deutschen Volkes gefördert und finanziert werden. Weil alle Freunde aus der Stiftung mindestens ein Jahr in den USA verbrachten, war ihr schnell klar, dass sie in Princeton promovieren wollte – einer der besten Universitäten der USA.

Henzingers Doktorarbeit mit dem Titel „Voll dynamische Graphikalgorithmen und ihre Datenstruktur“ wurde mit Stipendien von Princeton und von Siemens gefördert. „Es gehen immer die Besten in de USA, und die ziehen andere Gute nach sich“, sagt Monika Henzinger und erklärt ganz nebenbei, warum die Amerikaner in Sachen Internet so weit vorn liegen. Auch ihr Forscherteam bei Google ist international. Die zehn Doktoren kommen aus Indien, Neuseeland, Argentinien und Deutschland. Lediglich drei Amerikaner operieren am Hirn der legendär gründlichen Suchmaschine.

Neue Technik gegen den Stillstand

Der Newcomer Google zeigte es allen. Seit seinem Start vor drei Jahren baute Google den größten Suchindex der Welt auf. Die Suchmaschine deckt 1,3 Milliarden Web-Seiten ab, was ungefähr der Hälfte aller Seiten weltweit entspricht und mehr als doppelt so viel ist wie bei der zweitgrößten Suchmaschine Fast Search, die sich früher Alltheweb nannte. Mit seiner neuen Technik durchbrach Google einen Trend, der sich Ende der neunziger Jahre immer mehr verstärkte: Angesichts des rasanten Internet- Wachstums kamen die Suchmaschinen mit dem Indexieren nicht mehr nach, und die Suchergebnisse wurden immer schlechter. Die Wissenschaftszeitung „Nature“ stellte 1998 fest, dass keine Suchmaschine mehr als 16 Prozent des Webs abdeckte. Nur eine der vier größten Suchmaschinen konnte sich selbst unter den ersten zehn Suchergebnissen finden. Im selben Jahr kam Google.

Googles wichtigster Trick: Es ordnet Web-Seiten nach Wichtigkeit. Die Seite, auf welche die meisten Links zeigen, steht bei den Suchergebnissen oben. Das Vorgehen ähnelt dem, mit dem man den Ruf eines Wissenschaftlers ermittelt: Je häufiger seine Artikel zitiert werden, umso höher sein Ansehen. Außerdem wertet Google auch alle Links aus, die eine Web-Site enthält, und muss deswegen Millionen von Web-Seiten gar nicht besuchen, um sie zu indizieren. Stattdessen nimmt Google einfach die Beschreibung aus dem Link in seinen Index auf.

So konnte der Newcomer nur zwei Jahre nach seiner Gründung im Winter 2000 an den etablierten Konkurrenten Altavista und Inktomi vorbeiziehen und wurde die größte Suchmaschine der Welt. Der endgültige Ritterschlag folgte Ende Juni 2000, als auch das weltgrößte Portal Yahoo seine Suchmaschine von der Inktomi-Technik auf Google umstellte. Am selben Tag brach Inktomis Aktienkurs um 18 Prozent ein. Jetzt soll Inktomi gerade versuchen, den jungen Konkurrenten zu übernehmen, um die Marktführerschaft zurück zu erobern.

Außen Yahoo – innen Google

Denn egal, ob man heute die Suchfunktion auf den Web-Seiten von Yahoo, Netscape oder Vodafones Mobilportal Vizzavi nutzt, am Ende landet jede Suchanfrage auf den Computern der Firma Google, die sich diese Dienste gut bezahlen lässt. Insgesamt steckt Google hinter 120 prominenten Web- Sites weltweit. Auch hinter dem neuen Lieblingskind aller Profi-Web-Sucher, der vor wenigen Wochen gestarteten Suchmaschine Ilor, steckt Google – lediglich um ein paar hilfreiche Gimmicks erweitert.

Alle Suchanfragen von Google und den Partnerseiten laufen in einem riesigen Hardwarepark zusammen. Denn anstatt die Suchmaschine wie üblich auf Großrechnern laufen zu lassen, sind bei Google 8 000 handelsübliche PCs zusammengeschaltet, die in in vier Rechenzentren an der Ostküste und der Westküste der USA stehen. Sie laufen unter dem Betriebssystem Linux. Die Google-Mitarbeiter schrauben die Computer in Racks zusammen, und wenn die Suchmaschine mehr Rechen- Power braucht, werden noch ein paar hundert Computer dazugestellt. So kann Google inzwischen 70 Millionen Suchabfragen pro Tag verarbeiten.

Google auf allen Geräten

„Je größer Google wird, desto schwerer wird es auch für uns, sinnvolle Suchergebnisse zu liefern“, sagt Monika Henzinger. Deshalb entwickelt sie ständig neue Algorithmen, welche die Suche verfeinern. Google läuft mittlerweile auch auf mobilen Internet-Geräten und sogar per Spracherkennung auf Mobiltelefonen. Der neueste Durchbruch ist die Übersetzungsfunktion, welche seit zwei Wochen auf der deutschen Site von Google läuft. Jedes Suchergebnis wird direkt beim Anklicken übersetzt. Wer früher bei Google suchte und dann die Seiten beim Altavista-Dolmetscherdienst Babelfish übersetzen ließ, kann sich jetzt einige Klicks sparen. Allerdings sind beide Übersetzungen bisher noch ziemlich schlecht.

Henzingers nächstes Projekt: Google soll jedem Anwender die richtige Antwort in seiner Landessprache liefern – egal, in welcher Sprache er seine Anfrage eingibt und egal, in welcher Sprache die Web-Seite mit der Antwort geschrieben ist. „Google soll immer besser verstehen, wonach die Leute fragen“, sagt Henzinger. Dazu braucht es höhere Mathematik, künstliche Intelligenz und riesige Wortlisten. Denn egal, ob der Nutzer „Car“ oder „Automobile“ eingibt, das Suchergebnis soll immer dasselbe sein.

„Unsere Hauptaufgabe ist, dass die Leute Informationen im Web finden“, sagte Googles President Sergey Brin dem Industry Standard. Er wandte sich damit gegen Spekulationen, dass er Google zu einem Portal ausbauen und so von der Hauptkompetenz der Suchmaschine abweichen wolle.

Surft man zufällig auf die Google-Web-Site, entsteht leicht der Eindruck, man habe sich auf den Suchdienst irgendeiner Universität verirrt. Bis auf das Eingabefeld und das Google- Logo ist kaum etwas zu sehen. Keine Kataloge, keine News, keine Werbebanner – kein Portal.

Google ist gewarnt durch das abschreckende Beispiel der Suchmaschine Altavista, die 1999 vor dem geplanten Börsengang 100 Millionen Dollar für den Ausbau zu einem zweiten Yahoo verbrannte und schließlich doch alle Portal- und Börsenpläne begraben musste. „Es gibt auch keine Anzeichen, dass sie jetzt plötzlich anfangen, Dummheiten zu machen“, sagt der Analyst Danny Sullivan, Leiter des Branchendienstes Search Engine Watch.

Google mag zwar konservativ in seinen Marktzielen sein – aber nicht in seinen Leistungen für die Mitarbeiter. Das Fitnesszentrum im Haus, Massagen und kostenlose Gourmet-Küche – Annehmlichkeiten, die in der Internet- Branche wieder seltener werden. Henzinger lässt das meiste davon links liegen, denn am wichtigsten ist ihr die Familie. Sie geht sehr früh zur Arbeit und schon gegen fünf Uhr wieder nach Hause, um ihre drei Jahre alte Tochter Alexandra aus der Kinderkrippe zu holen. Mit ihrem Mann, einem Informatikprofessor der Universität von Berkeley, erwartet sie in fünf Wochen ihre zweite Tochter. Trotzdem arbeitet Henzinger täglich zehn Stunden.

Nach der Geburt erwarten sie sechs kurze Wochen Mutterschutz und ein dreiwöchiger Urlaub. Dann stürzt sie sich wieder in die Arbeit – halbtags vorerst, nach sechs Monaten wieder voll. Das sei nur möglich, weil ihr Mann ab Herbst ein Forschungsjahr einlege, sagt Henzinger. Ohne Vorlesungen hat Professor Thomas Henzinger mehr Zeit für die Kinder. Dass Monika Henzinger so schnell wieder die beruflichen über die mütterlichen Pflichten stellt, findet sie nicht ungewöhnlich: „Es ist in den USA normal, dass die Frauen so früh wieder anfangen“, sagt sie. Allerdings erwartet Google auch ihre schnelle Rückkehr. Sie möchte ihre Freunde nicht enttäuschen:

Sergey Brin und Larry Page, die seit 1995 als Studenten der Stanford University die Google-Technik entwickelten und heute ein Unternehmen mit 200 Angestellten leiten, das sie dieses Jahr in die schwarzen Zahlen bringen wollen. Die Stanford University ist heute als Risikokapitalgeber an Google beteiligt. Henzinger hat ihren Chefs, die für Google ihre Doktorarbeiten abbrachen, vieles voraus: nicht nur acht Jahre mehr Lebenserfahrung, sondern auch mehr Berufserfahrung und sieben Patente.

Als Sergey und Larry noch für ihre Klausuren paukten, arbeitete Monika Henzinger im Forschungszentrum von Digital Systems in Palo Alto, wo sie die grafische Darstellung des Webs erforschte. Einmal pro Woche ging sie zu einem Informatikertreffen in der Stanford University, wo sie auch Sergey und Larry traf, die sich ebenfalls mit der Kartierung des Webs beschäftigten. Von der Kartierung war es ein logischer Schritt zur Suchmaschine. Nach vier Jahren bei Digital Systems und der Nachfolgerfirma Compaq folgte Henzinger einem Ruf als Professorin an ihre alte Universität Saarbrücken. Doch sie blieb nur kurz, weil Larry und Sergey sie nahezu täglich mit Anrufen bombardierten.

Nach einem halben Jahr hatten die beiden Henzinger überzeugt, ihre Professur aufzugeben und als Forschungsleiterin bei Google anzufangen. Henzinger liebt die Atmosphäre im Gewerbegebiet von Mountain View, Kalifornien: Lavalampen am Eingang, orthopädische Gummibälle auf dem Flur und ihre Chefs Larry und Sergey, die den Durchgang mit Tretrollern, Fahrrädern und elektronischen Spielzeugen blockieren. Nur Bayern vermisse sie oft, sagt Henzinger, ihre Eltern in Weiden und den Bruder, der Zahnarzt ist. Deshalb ruft sie mindestens einmal pro Woche zu Hause an. In die alte Heimat zurückkehren will sie allerdings nicht. Dazu hat sie in Amerika viel zu viele Pläne. Eines Tages will sie mit Google an die Börse gehen, was nicht zuletzt an ihren Aktienoptionen liegen dürfte.

Markus Göbel m.goebel@vhb.de

Profil
NAME: Monika Henzinger
FIRMA: Google
POSITION: Leiterin der Forschungsabteilung
GEBURTSJAHR: 1966
GEBURTSORT: Weiden
STUDIUM: Erlangen, Saarbrücken
und Princeton
STATIONEN: Informatikprofessur an der Cornell University, Forschungszentrum von Digital Systems/Compaq, Professur in Saarbrücken.

Google
UMSATZ 2000: keine Angaben
GEWINN: keine Angaben
CHEF: Lawrence Page
MITARBEITERZAHL: 200
GESCHÄFTSFELD: Suchmaschinen
KONKURRENTEN: Altavista, Inktomi
GRÜNDUNGSJAHR: 1998
INVESTOREN: Kleiner Perkins Caufield & Byers , Sequoia Capital, Stanford University, Andreas von Bechtolsheim (Sun, Cisco)
STANDORT: Mountain View, Kalifornien
HOMEPAGE: www.google.com

Advertisements
Veröffentlicht in Artikel, Deutsch
Archive
%d Bloggern gefällt das: