Markus Göbel

Pro und Kontra: Virtual Reality im Journalismus

Advertisements

Sie sind der heiße Trend in der Technik-Branche: die neuen Brillen für Virtual Reality (VR). Samsung brachte kürzlich seine Gear VR auf den Markt, die seit 10. Februar bei o2 erhältlich ist. HTC steht kurz vor der Präsentation seiner HTC Vive und auch Apple und Google arbeiten an eigenen Modellen. Gestartet wurde diese Revolution erst vor einigen Monaten von der Startup-Firma Oculus VR, die dann prompt von Facebook gekauft wurde. Und auch der Mobile World Congress wird in der nächste Woche einen Schwerpunkt darauf legen.

Aber was bewirkt diese virtuelle Realität, die nicht echt ist, aber sich dennoch so anfühlt? Eine vollkommen neue Form der Wahrnehmung, in der alles möglich ist. Wir tauchen in eine Welt, die ganz woanders ist, doch wir bewegen uns nicht vom Fleck. Das gilt auch für den Journalismus, in dem Vorreiter bereits mit dem neuen Medium experimentieren, das eines Tages unser Fernsehen ablösen wird. Selbst im Syrien-Krieg wurden schon VR-Filme mit den kleinen 360-Grad-Kameras gedreht. Sie heben die Grenze zwischen Zuschauer und Teilnehmer auf und lassen das Leiden der Opfer hautnah spüren.

Julia Leeb: Mit VR-Kamera in den Krieg

Über diese neuen Entwicklung erfahren wir mehr bei der nächsten Digital-Mastermind-Veranstaltung mit der Kriegsreporterin Julia Leeb am 23. Februar 2016 im Telefónica BASECAMP. Die engangierte Journalistin dokumentiert Gesellschaften im Umbruch und möchte dabei mehr bewirken, als mit der Mattscheibe des traditionellen Fernsehens möglich ist.

„Virtual Reality ist eine Empathie-Maschine, die den Journalismus verändern wird“, ist ihre wichtigste Überzeugung. Bei Digital Masterminds trifft Julia Leeb deshalb auf anerkannte Experten, um mit ihnen über die zukünftige Rolle der Medien und die weitere Entwicklung des Journalismus in 3D zu disktutieren:

Die Diskussion wird geleitet von der ZDF-Moderatorin Anja Heyde, die beispielsweise das Morgenmagazin präsentiert.

Chance: Neue Dimension der Medien

„Durch VR werden Geschichten in einer ganz anderen Dimensionen erzählt“, erklärt Julia Leeb, die gerade eine VR-Dokumentation über den Konflikt im Kongo fertiggestellt hat. „Der Nutzer schaut nicht auf ein Bild, sondern ist von der virtuellen Welt umgeben.“ Die bisherige „Television“ werde damit zu einer richtigen „Telepräsenz“ und das erfordere vollkommen neue Erzählformen.

Durch die visuelle und auditive Isolation hinter der VR-Brille sei die Konzentration auf die neuen journalistischen Inhalten zwar viel höher als beim beiläufigen TV-Konsum. Doch es ergeben sich auch vollkommen neue Probleme für die Medienmacher von Morgen.

„Der Nutzer entscheidet selbst, wohin er schaut“, sagt Julia Leeb. „Deshalb kann es auch sein, dass jeder Zuschauer denselben Beitrag anders interpretiert, weil auch jeder etwas anders gesehen hat.“ Der Journalist muss seine gewohnte Hoheit über die Interpretation der Ereignisse aufgeben. Ihm kann passieren, dass seine Zuschauer zu einer ganz anderen Beurteilung kommen.

Oder nicht?

Technik: Aufrütteln durch Miterleben

Vielleicht bewirkt dieses neue Medium auch das ganze Gegenteil: „Das Gefühl sich in einem Kriegsgebiet aufzuhalten oder Raubbau an der Natur mitzuerleben können katalysierende Momente sein“, sagt der Digital-Experte und Bürgerrechtler Daniel Domscheit-Berg.

Die Distanz zu emotional schlecht greifbaren Themen könne durch die virtuellen Erlebnisse hinter der Computer-Brille radikal aufgelöst werden. „Ich hoffe, der Journalismus entdeckt dieses Werkzeug, um dringend nötige Korrektive in der Gesellschaft zu aktivieren“, sagt Domscheit-Berg.

Der große Vorteil: Die VR-Technik sei jetzt wohnzimmerfähig geworden und durchaus in der Lage, auch Konsumenten ein echtes Gefühl des Eintauchens zu vermitteln. Für den Zuschauer werde alles interaktiver, was schon bald unser aktuelles Konzept von Medien aber vor allem auch die Unterhaltungsbranche umkrempeln werde.

Risiko: Isolation der Zuschauer

Doch das könne auch Nachteile haben: „Die Bandbreite der Möglichkeiten ist sehr groß“, sagt Daniel Domscheit-Berg. „Doch leider entstehen damit auch etliche Anwendungen, die für mich eher verstörend sind.“ Er verweist dabei auf den Kauf von Oculus VR durch Facebook und die geplante Nutzung für soziale Netze, die heute schon einen Großteil unserer Zeit beim täglichen Internet-Surfen verschlingt.

„Am Ende dieser Straße kann eine totale Isolation und die Abnabelung von der realen Welt stehen“, warnt der ehemalige Repräsentant von WikiLeaks in Deutschland. Wie das aussehen kann, zeigten schon die Matrix-Filme vor mehr als 15 Jahren: Warum noch für ein besseres Leben kämpfen und vielleicht auch Flüchtlingen oder Kriegsopfern helfen, wenn die heile Illusionswelt hinter der VR-Brille doch viel schöner ist?

„Ich denke, dass VR das ultimative Medium ist: Visuell ist mehr einfach nicht möglich“, sagt der VR-Journalist Lorenz Matzat, der beim nächsten Digital Masteminds ebenfalls dabei ist. „Als nächstes kommt nur noch der direkte Anschluss an den Sehnerv oder das Gehirn.“  Aber dann brauche es auch kein Medium und keinen Vermittler mehr, warnt der langjährige VR-Experte. Selbst Virtual-Reality-Journalisten werden dann ebenfalls nicht mehr benötigt.

Doch solche Entwicklungen dürfte erst in ein paar Jahren das Thema für eine Veranstaltung im Telefónica BASECAMP sein. Am nächsten Dienstag geht es erst einmal um „Manipulation oder Emotionsmaschine? Wie Virtual Reality den Journalismus verändert“.

Also am besten gleich anmelden!

(Titelfoto: Samsung Newsroom)

» Mehr lesen…

February 23, 2016 at 01:00PM

Advertisements