01 – Das Magazin der CeBIT-Welt. Winter 2006: Wenn Einstein putzen geht

WENN EINSTEIN PUTZEN GEHT

In Japan und Korea, den Hightechnationen Asiens, ist die AUTOMATISIERUNG der HAUSHALTE in vollem Gang. Die ITIndustrie erwartet einen neuen Megamarkt.

Von Markus Göbel

US-PRÄSIDENT GEORGE BUSH schaut skeptisch, als Albert Einstein ihn begrüßen möchte. Wird die Hydraulikkralle des zwergengroßen humanoiden Roboters seine Präsidentenhand zerquetschen? Die Maschine mit dem Aussehen des 1955 verstorbenen Physikgenies lächelt freundlich, und ihre Computerstimme spricht lippensynchron zum faltigen Knautschgesicht aus Gummi. Gebaut wurde der 1,20 Meter hohe Roboter, den George Bush während des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums im koreanischen Pusan traf, vom Korea Advanced Institute of Science & Technology (KAIST). Mit seinen elektronischen Augen orientiert er sich im Raum. Bis zu 1,25 Kilometer pro Stunde schnell bewegt er sich fort. Als erster Roboter der Welt hat „Einstein“ einzeln steuerbare Finger, durch eingebaute Spracherkennung nimmt er einfache Aufträge entgegen.

NOCH IST „EINSTEIN“ ein Prototyp, aber mittel- bis langfristig könnten er und seine androiden Kollegen zum Standardinventar eines gutbürgerlichen Haushalts gehören. „In 50 Jahren wird fast jeder einen Roboter zu Hause haben, so wie heute fast jeder ein Auto hat“, ist Markus Vincze überzeugt. Der studierte Maschinenbauer lehrt als Professor an der TU Wien und leitet das EU-Forschungsprojekt robots@home. „Der Roboter übernimmt alle Aufgaben, die man selbst nicht mag: Aufräumen, Staubsaugen, Kloputzen.“ Im hightechbegeisterten Südkorea soll diese Zukunftsvision schon schneller Wirklichkeit werden. Nach Schätzungen von Kim Mun Sang, dem Leiter des Center for Intelligent Robotics in Seoul, werden computerbetriebene Heinzelmännchen schon in fünf bis zehn Jahren selbstverständlich sein. Nach den Planungen des Ministeriums für Technik und Wissenschaft soll das ostasiatische Land im Jahr 2020 für 100 Milliarden Dollar Haushaltsroboter produzieren.

In einem groß angelegten Feldversuch werden Ende 2006 rund 1000 Roboter in ausgewählten Haushalten und 40 Kindergärten putzen, sich um Haustiere kümmern und den Kindern Bücher vorlesen. Die Hälfte dieser Hausdiener lässt sich über Mobiltelefone fernsteuern. Der Hausbesitzer kann etwaigen Besuchern von unterwegs über sein Handy die Tür öffnen – oder die Polizei rufen, je nachdem. Laut Oh Sang-rok, zuständiger Projektleiter im koreanischen Informationsministerium, soll es diese Geräte schon 2007 für weniger als 2000 Dollar zu kaufen geben. Die Maschinen können deshalb relativ billig angeboten werden, weil der Großteil ihrer Software nicht fest installiert ist, sondern bei Bedarf aus dem Internet heruntergeladen wird. „Korea ist bei Haushaltsrobotern ungemein aktiv“, kommentiert Professor Vincze ein wenig neidisch. „Da sind fünf Ministerien mit eingebunden.“

TECHNOLOGISCH ebenfalls weit vorn, was die kommerzielle Nutzung der Robotik betrifft, liegt Japan, wo der Elektrokonzern Fujitsu schon seit einem Jahr den maschinellen Bürogehilfen „Enon“ anbietet. Der zweiarmige Geselle soll in Büros, Kaufhäusern und Flughäfen Menschen beraten, Gäste führen, Objekte transportieren und Sicherheitspatrouillen durchführen. Mit massiver staatlicher Förderung wetteifern etwa 70 universitäre und 30 firmeneigene Projekte um die schnellste Markteinführung. So verkauft Sony schon seit einigen Jahren seinen Roboterhund Aibo und lässt dessen zweibeinigen Spielkameraden Qrio in Kinderprogrammen auftreten. Autobauer Honda nutzt seinen zweibeinigen Humanoiden Asimo als Werbefigur in Fernsehspots und auf Plakaten. Durch frühzeitigen Verkauf wollen sich Japans Großunternehmen ihren Anteil an einem potenziell riesigen Zukunftsmarkt sichern, denn in den rapide alternden Industriegesellschaften könnten Roboter bald viele Hilfsarbeiten übernehmen.

DOCH AUCH HEUTE sind schon in vielen Familien intelligente Haushaltsgeräte im Einsatz. So konnte die US-Firma iRobot bereits zwei Millionen ihres Staubsaugerroboters Roomba verkaufen. Im Laden kosten die flunderförmigen Geräte, die selbstständig ganze Räume bis unters Sofa säubern, nur wenige Hundert Euro. „Die Leute ändern ihre Putzgewohnheiten“, sagt Greg White, General Manager von iRobot. Nach dem Abendessen bringen sie ihre Kinder ins Bett, während der Roboter den Boden reinigt. In einem Vergleichstest des TÜVs Rheinland zeigte sich jedoch, dass der Roomba, ebenso wie die konkurrierenden Geräte von Electrolux und Kärcher, noch seine Tücken hat. Alle drei hinterlassen Schmutz, besonders in den Ecken und an Teppichkanten. Laut TÜV sind sie eher eine Ergänzung zum Staubsauger.

„DIE FORSCHUNGSAUFGABEN für die Roboterwissenschaftler haben sich in den letzten 30 Jahren kaum verändert“, kommentiert Markus Vincze. „Nur heute steht uns eine Million Mal so viel Rechenleistung zur Verfügung.“ Mit 3,2 Millionen Euro an Fördergeldern der EU und zehn Mitarbeitern entwickelt Vincze einen Haushaltsroboter, dem man seine Wohnung wie einem Gast zeigt. Dazu füttert er den Prototyp James mit Tausenden Fotos von Haushaltsgegenständen, aus denen er wiederkehrende Merkmale extrahiert, die der Roboter später selbst erkennt.

„Für Menschen ist es selbstverständlich, auf äußere Umstände zu reagieren. Sie denken funktional, also am Ergebnis orientiert“, erklärt Erich Rome, Abteilungsleiter am Fraunhofer-Institut für Autonome Intelligente Systeme. „Roboter hingegen arbeiten bisher objektorientiert.“ Soll die Maschine einen Stuhl holen, sucht sie nach einer Sitzgelegenheit mit vier Füßen und einer Lehne. Dass ein leerer Getränkekasten denselben Zweck erfüllt, weiß sie nicht. Genau solchen Problemen widmet sich das EU-Projekt robots@home. Der Prototyp, Wert 15 000 bis 20 000 Euro, soll in sechs Jahren ein Zehntel kosten. Bei den großen Erwartungen an das Geschäft mit Haushaltsrobotern verwundert es nicht, dass auch die weltgrößte Softwarefirma ihre Claims absteckt. Das kürzlich veröffentlichte „Microsoft Robotics Studio“ soll zur Standardprogrammierumgebung für Roboter werden und den Erfolg der PC-Betriebssysteme wiederholen. „Wir glauben an einen schnellen Erfolg der Robotik“, sagt Tandy Tower, General Manager der Microsoft Robotics Group.

WISSENSCHAFTLER wie der australische Roboterpionier Allan Branch, der 1979 den ersten mobilen Roboter entwickelte und heute Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Denning Branch International ist, sind allerdings skeptisch. Oft schon habe es Prognosen gegeben, wonach sich die Gesellschaft in den nächsten 15 Jahren durch Roboter grundlegend verändern werde. Der tatsächliche Fortschritt sei jedoch immer gering gewesen. Dies resultiere erstens aus den Anforderungen, die in der Robotik höher seien als in jedem anderen technischen Bereich, erklärt Branch. Zweitens seien menschliche Arbeitskräfte bislang immer billiger und vielseitiger gewesen als ihre blechernen Kollegen. ||

Der Einsatz von ROBOTERN in Heim und Garten macht den Traum vom allzeit bereiten Heinzelmännchen wahr. Eine kleine Bilderreise durch die Haushaltswelten unserer nahen Zukunft.

PAPERO Der Partner Type Personal Robot (PaPeRo) von NEC sieht nicht nur niedlich aus, sondern enthält auch die neuesten Bild- sowie Spracherkennungs- und -erfassungstechnologien. Mit seinen nur 38 Zentimetern dient der kleine Roboter PaPeRo als kommunikationsfreudiger „Gesprächspartner“, der Personen wiedererkennt und sogar persönlich anspricht, ihnen Nachrichten oder kurze Videobotschaften überbringt. Dank seines benutzerfreundlichen Interfaces kann er als tägliche Hilfe bei einfachen Tätigkeiten im Haushalt eingesetzt werden.

AUTOMOWER Mit dem Electrolux Automower macht Rasenmähen richtig Spaß, denn man kann sich auf das Zusehen beschränken. Zwar ist er nicht ganz so intelligent wie andere Haushaltsroboter, dafür in Europa aber schon für knapp 2000 Euro im Laden zu haben. Die zu mähende Rasenfläche muss mit einem Begrenzungskabel umgeben werden, das der Automower erkennt. So mäht er nur den abgesteckten Bereich. Sogar mit „Inseln“ kommt die kleine Gartenhilfe klar, wenn der Draht um Pflanzen und Blumenbeete herum gelegt wird.

ASIMO Honda hat mit ASIMO einen zweibeinigen humanoiden Roboter erschaffen, der laufen kann. Dank Gehtechnologie kann ASIMO seine nächste Bewegung vorhersehen und den Körperschwerpunkt entsprechend verlagern. Mit einer Größe von 120 Zentimetern hat er gerade die Statur, um bestimmte Tätigkeiten in der menschlichen Umgebung auszuführen: Lichtschalter und Türgriffe bedienen oder an Tischen und Werkbänken arbeiten. Eine zusätzliche Sprechfunktion erlaubt es ihm, auf ungefähr 50 verschiedene Kommandos und Fragen zu reagieren.

CARE-O-BOT I Der Haushaltshelfer Care-O-Bot I, entwickelt im Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung, soll pflegebedürftigen Menschen den Alltag erleichtern. Er übernimmt Hol- und Bringdienste und dient als Stütze und Gehhilfe in der häuslichen Umgebung. Bedient wird Care-O-bot I über einen beweglichen Touchscreen. Als eine Art mobile Kommunikationszentrale ermöglicht der Roboter den Zugriff auf Licht, Heizung oder Alarmanlage genauso wie ein Bildtelefonat mit dem Arzt oder Angehörigen.

Advertisements
Veröffentlicht in Artikel, Deutsch
Archive
%d Bloggern gefällt das: