01 – Das Magazin der CeBIT-Welt. Frühjahr 2006: Bewegende Bilder

BEWEGENDE BILDER

Die ersten DVB-H-Fernseh-Handys kommen in Deutschland zur CeBIT auf den Markt. Japan und Korea sind schon weiter. Dort steht das Mobiltelefon im Zentrum eines drahtlosen Lebensstils.

MATTHIAS OPDENHÖVEL ist auf vielen Kanälen zu sehen: auf Viva, ProSieben, Sat.1, Vox, WDR und 9Live. Und jetzt auch auf dem handtellergroßen Bildschirm eines Handys. Der TV-Moderator stellt in diesem Pilotprogramm der Produktionsfirma UFA Fragen zu Shows wie "Herzblatt" und zeigt Ausschnitte aus den Sendungen. Danach erscheinen neben dem kleinen TV-Bild vier Antwortmöglichkeiten zum direkten Anklicken auf dem Schirm. Die Antwort wird sofort per SMS in die Zentrale gesendet. "Mobiles TV ist ein bisschen wie Radio", sagt Bernd Curanz, Geschäftsführer der Berliner Neva Media, eines Entwicklers mobiler TV-Programme. "Man muss jederzeit rein- und rausschalten können, ohne Angst zu haben, etwas zu verpassen."

AUSGESTRAHLT werden die bewegten Bilder im Standard "Digital Video Broadcasting for Handhelds" (DVB-H), mit dem ein Fernsehempfang auch auf Mobiltelefonen und Taschen-Computern möglich wird. "Damit die Batterien nicht schon vor der Wettervorhersage den Geist aufgeben, reduziert DVB-H den Leistungsverbrauch der Handy-Akkus etwa auf ein Sechstel", erklärt Professor Ulrich Reimers, Technikchef des Branchenverbands DVB-Forum. Im Gegensatz zum normalen Fernsehen ist DVB-H von Anfang an interaktiv. Per UMTS können die Zuschauer direkt reagieren. So hat Neva um die Serie "Verliebt in Berlin" einen ganzen Shop gebaut, in dem die Fans sofort Merchandising-Produkte der Serie wie T-Shirts oder Schlüsselanhänger ordern können.

2005 wurden laut Strategy Analytics weltweit bereits 1,9 Millionen Fernseh-Handys verkauft. In Deutschland sollen die ersten Geräte mit eingebautem DVB-H-Empfänger zur CeBIT auf den Markt kommen ? wie das stylische Nokia N92. "Wir setzen große Hoffnungen auf das Handy-Fernsehen", sagt T-Mobile-Sprecher René Bresgen. Auch die TV-Sender hegen hohe Erwartungen. "Unser Fokus liegt 2006 klar auf dem Mobiltelefon", erklärt MTV-Geschäftsführerin Catherine Mühlemann.

"MOBILES TV kann in Deutschland schon in fünf Jahren 450 Millionen Euro Umsatz bringen", prognostiziert Klaus Goldhammer, Geschäftsführer der Beratungsfirma Goldmedia. Der Vorreiter in Europa ist aber wieder einmal Finnland. Im Heimatland von Nokia läuft bereits das Bieterverfahren zur Vergabe kommerzieller Sendefrequenzen.

In den asiatischen Hightech-Nationen dagegen ist Handy-TV schon etabliert. Der Trend geht dort ohnehin zum Hybrid- Handy, das zahlreiche Funktionen in sich vereint: MP3-Player, Digitalkamera, Organizer und eben Fernseher. Dabei verschmilzt es zunehmend mit anderen Endgeräten: Ist das W800i von Sony-Ericsson nun ein Walkman oder ein Telefon? "Generell sind Mobiltelefone dabei, sich zum Online-Computer im Hosentaschenformat zu entwickeln", antwortet Jan Michael Hess von der Beratungsfirma Mobile Economy. In Japan verkaufen sich Handys mit Satellitennavigation gut. Der zweitgrößte Mobilfunkbetreiber KDDI hat über die Hälfte seiner 21 Millionen Kunden damit ausgestattet. Die GPS-Navigation für Fußgänger ist der Renner in Tokio.

MARKTFÜHRER NTT DoCoMo propagiert einen komplett drahtlosen Lebensstil, in dessen Zentrum Handys mit kontaktlosen FeliCa-Chipkarten stehen. Sieben Millionen Exemplare haben die Japaner bereits verkauft. "Daraus ist ein regelrechtes Ökosystem entstanden, bei dem das Handy als mobile Bezahlungsmethode, Mitgliedsausweis, Zugticket, Hotelschlüssel und mehr dient", sagt der in Peking ansässige französische Mobilfunkexperte Benjamin Joffe von der Consulting-Firma Plus Eight Star. Die Luftfahrtgesellschaft ANA, McDonald?s, der Videoverleih Geo oder die Spielhallenkette Sega akzeptieren diese Zahlungsform. Auch die meisten Drehkreuze der Tokioter Bahnhöfe sind mit FeliCa-Lesegeräten ausgerüstet. In Korea brachte der Provider SK Telecom im Sommer den Service "1 Millimeter" heraus, dessen Name eine intime Beziehung zum Mobiltelefon verkörpern soll. Auf dem Bildschirm jedes Handys findet sich eine kleine Figur, die von künstlicher Intelligenz gesteuert wird; sie kann der Nutzer zum Beispiel nach dem Wetter fragen, sie berät den Besitzer auch bei der Auswahl neuer Musikstücke. "Wer Langeweile hat, kann mit der Figur sogar chatten", sagt SK-Telecom-Sprecherin Kim Hye-jin. Und verspricht: "Das ist nie langweilig, weil die Software hoch entwickelt ist."

WEG VOM FESTNETZ?

MOBILFUNKER WIE O2 bauen die Alternativen zum Festnetz konsequent aus. "Schon heute verzichten etwa 20 Prozent unserer 3,2 Millionen Genion- Kunden vollständig auf den Festnetzanschluss", sagt Rudolf Gröger, CEO bei O2 Germany. Von den 14- bis 29-jährigen Deutschen können sich laut Emnid immerhin 27 Prozent vorstellen, auf das Festnetz ganz zu verzichten.

BEREITS IM JAHR 2009 wird laut der Gartner-Marktforschung ein Drittel aller Telefonkunden weltweit seine Festnetzanschlüsse gekündigt haben und nur noch mobil oder über Internet telefonieren. Dann sollen 70 Prozent aller Sprachtelefonieverbindungen kabellos sein. "Was die Kunden vom Festnetz zum Mobilfunk lockt, sind nicht so sehr die fallenden Preise", sagt Klaus von den Hoff von Mercer Management Consulting. "Es ist die ungleich höhere Attraktivität des Mobilfunkangebots, das Technik mit Lifestyle-Aspekten verbindet und Emotionalität erzeugt."

Advertisements
Veröffentlicht in Artikel, Deutsch
Archive
%d Bloggern gefällt das: