01 – Das Magazin der CeBIT-Welt. Herbst 2005: HOME, SMART HOME

HOME, SMART HOME

Häuser lernen denken. INTELLIGENTE IMMOBILIEN nehmen ihren Bewohnern nicht nur Alltagstätigkeiten wie Staubsaugen ab, sondern checken auch regelmäßig deren Gesundheit. Ein Ausflug in die Wohnwelten der Zukunft.

DASS UNTER DEM DACH von Familie Steiner die Zukunft wohnt, ist der hellgelben Doppelhaushälfte äußerlich nur schwer anzusehen. Da unterscheidet sich das Futurelife-Gebäude in Hünenburg im Schweizer Kanton Zug kaum von dem benachbarten Eigenheim. Den Unterschied macht der Schaltraum im Keller, von dem aus sämtliche computergetriebenen Hausfunktionen gesteuert werden: die automatische Gartenbewässerung, das intelligente Fensterlüftungssystem, der solargetriebene Rasenmäher, der intelligente Staubsauger, die Netzwerküberwachungskamera, das Induktionskochfeld, Fernseher, Mikrowelle und vieles mehr. Für die umfassende Vernetzung sorgen Standards wie WLAN, EIB, GSM oder PLC. Ist dies ein Leben, das nur mit zig Bedienungsanleitungen zu bewältigen ist? Nein, sagt Mutter Ursi Steiner. „Gebrauchsanweisungen haben wir keine gelesen. Die gehören der Vergangenheit an. Wir leben in der Zukunft, und da muss sich vieles selbst erklären.“

SEIT ZWEI JAHREN wohnen der Informatiker Daniel Steiner, seine Frau Ursi und die Kinder Grace und Carlo dauerhaft im Futurelife-Versuchslabor, das die Beisheim-Holding von Milliardär Otto Beisheim, dem Gründer des Handelsriesen Metro, eingerichtet hat. Unternehmen wie Alto-Hifi, BMW oder Revox erproben hier unter Live-Bedingungen Lösungen für die Lebenswelt von morgen. Ursi Steiner stellt die Einkaufstaschen auf den Küchentisch und sagt drei Codeworte, die klingen, als seien sie dem neuesten Harry Potter entnommen. „Salamu, Licht ein!“ Sofort schalten sich die Lampen per Voice-Erkennung an, Vorhänge öffnen und schließen sich „Salamu. Vorhang zu!" "Jedes Jahr werden mehr Häuser den Anschluss an einen digitalen Lifestyle finden“, sagt Microsoft-Gründer Bill Gates, der sich selbst Mitte der neunziger Jahre in Seattle für gut 100 Millionen Dollar ein Smart House bauen ließ. „Die Chiptechnologie ist so preiswert geworden und die Software so leistungsfähig, dass heute auch normale Leute solch ein Haus bauen können. Allein in Deutschland soll der Markt für Anwendungen des „vernetzten Zuhauses“, bei denen Informationstechnologie und Unterhaltungselektronik zusammenwachsen, in den kommenden fünf Jahren laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens Soreon von 9,4 Milliarden Euro auf 13,3 Milliarden Euro steigen – dies entspricht einem durchschnittlichen Jahreswachstum von sieben Prozent.

NICHT NUR DER TECHNISCHE Fortschritt, auch der gesellschaftliche Wandel treibt diese Entwicklung an. „Die Bewohner der Industrieländer werden im Durchschnitt immer älter und brauchen deshalb mehr Hilfestellungen“, sagt Ken Sakamura, Informatikprofessor, Architekt und Designer an der Universität Tokio. „Zum Beispiel Analysegeräte, die ihren Blutzuckerspiegel in Echtzeit an ihren Hausarzt übermitteln.“ Seit über 20 Jahren entwickelt Sakamura das Betriebssystem TRON, aus dem eines Tages eine vollkommen computerisierte Wohnumgebung entstehen soll. Bereits 1989 ließ er das „TRON Intelligent House“ im noblen Tokioter Stadtviertel Nishi-Azabu bauen. 380 vernetzte Computer steuern dort die Handgriffe des Alltags. Kleider, Vorräte und Bücher werden in Containern im Keller aufbewahrt und bei Bedarf hochgefahren. Im neuen TRON-Haus, das in der Nähe der Expo 2005 in Aichi steht, ließ Sakamura sogar Biosensoren ins Schlafzimmer einbauen, die kontinuierlich die Umweltbedingungen regulieren, so dass ein erholsamer Schlaf möglich ist. „Dazu messen wir die ganze Nacht die Schlaftiefe.“

SAKAMURAS VISION von einer IT-gestützten Gesundheitsvorsorge hat auch Chiphersteller Intel aufgegriffen, der seit 2002 sein „Proactive Health Research Project“ betreibt. „Die Welt steht vor der Herausforderung, für die größte Population alter Menschen in der menschlichen Geschichte zu sorgen“, sagt Intel-Manager Eric Dishmann. Im ersten Schritt konzentrieren sich die Intel-Forscher auf Lösungen, die Demenzkranken, zum Beispiel Alzheimerpatienten, das Leben erleichtern sollen. Dabei entstanden Ideen für intelligente Pillendosen, um die Einnahme zu kontrollieren, intelligente Möbel, die Lebenszeichen überwachen, und Fernseher oder Uhrenradios, die an das Mittagessen erinnern. Durch die Vernetzung all dieser Geräte entsteht ein System, das den Patienten den ganzen Tag umgibt und ihm hilft, trotz fortschreitender Demenz selbständig zu Hause zu leben. Es zeichnet auf, wie oft er in der Nacht wach wird und das Schlafzimmer verlässt, und registriert, wenn er den Herd unbeobachtet lässt. Juan Carlos Augusto, Artificial-Intelligence-Forscher an der University of Ulster in Nordirland, prophezeit solchen Tracking-Systemen, die Verhaltensschnappschüsse von den Aktivitäten eines Hausbewohners erstellen, eine große Zukunft: „Wir arbeiten an einer intelligenten Software, die sich zu jeder Zeit ein ganzheitliches Bild einer Umgebung machen und potenzielle Risiken vorhersehen kann.“ Wenn ein alter Mensch stürze, könne ein solches Programm automatisch die Angehörigen benachrichtigen. Noch brauche es aber menschliche Intelligenz, um all diese Informationen im Kontext zu verstehen und Entscheidungen zu treffen.

ANGST, DASS SICH ein smartes Domizil wie sein TRON House durch technische Defekte eines Tages in ein Geisterhaus verwandeln könnte, hat der japanische Informationswissenschaftler Sakamura nicht. Im Unterschied zu ähnlichen Bauten, die zentral durch einen PC gesteuert werden, beruht sein dezentrales Konzept auf dem Zusammenspiel verschiedener unabhängiger Geräte, die das Echtzeitbetriebssystem TRON benutzen und Rechenschritte bis zu 1000 Mal schneller abarbeiten als herkömmliche Computer. Dennoch befinden sich die meisten TRON-Geräte noch im Stadium des Prototyps. Auch Schnittstellenprobleme stehen derzeit einer umfassenden Vernetzung entgegen. So setzt die ITBranche vor allem auf Wireless LAN und Ethernet, während die Hersteller von Haushaltsgeräten den EU-Standard European Installation Bus (EIB) bevorzugen. Vier Vernetzungsinseln zeichnen sich bei den Smart-Home-Prototypen ab: Unterhaltung, Information, Hausautomatisierung und Haussicherheit. Hans Schuppli von der Fachgruppe Intelligentes Wohnen des Gebäude-Netzwerk-Instituts in Zürich, gibt zwar zu, dass hier „unterschiedliche Welten aufeinander treffen“, diese ließen sich aber mit Residential Gateways und Home-Servern zusammenführen. Kurz: Auch das smarteste Heim braucht eine einheitliche, leicht zu bedienende Schaltzentrale.

IM MÜNCHNER „Haus der Gegenwart“, das auf dem Gelände der Bundesgartenschau 2005 steht, setzt Microsoft deshalb ganz auf „Standardkomponenten, die bereits heute auf dem Markt erhältlich sind“, wie Andreas Schauer, Manager Microsoft Technology Center, sagt. Die Programmierer des Softwareherstellers haben dazu die Media Center Edition ihres Betriebssystems Windows XP, mit der heimische PCs zu multimedialen Entertainment-Terminals aufgerüstet werden, um einige Menüs erweitert. Damit können die Bewohner vom Sofa aus mit der Fernbedienung die Fenster schließen und das Licht ein- und ausschalten. Die wichtigsten Funktionen lassen sich sogar per Telefon von außerhalb bedienen. Den gestressten berufstätigen Müttern, die von der Arbeit nach Hause hetzen und schnell ein Fertiggericht für ihre Kinder in die Mikrowelle schieben, nimmt das „Haus der Gegenwart“ sogar die Lesearbeit ab. In der „Microsoft-Küche der Zukunft“ kleben an jeder Suppendose kleine Computerchips, die der Mikrowelle per Funk mitteilen, wie viele Minuten und auf welcher Stufe sie das Essen brutzeln muss. Natürlich sind auch alle anderen Küchengeräte per Funk vernetzt und erklären Amateurhausfrauen auf Nachfrage mit synthetischer Stimme, wie lange sie einen Zitronenkuchen rühren und in den Ofen schieben müssen. Durch den Internetanschluss werden die Prozessoren der Microsoft-Küche im Lauf der Zeit mit beliebig vielen Rezepten und Funktionserweiterungen nachgeladen. Nicht nur Häuser können eben denken lernen, sondern auch Küchen. ||

SIMPILL
MEDIZIN-FLASCHE MIT SMS-ERINNERUNGSFUNKTION

Ein südafrikanischer Mediziner erfand die SIMpill, eine Pillenflasche, die überwacht, wie oft die darin enthaltenen Pillen genommen werden. Jedes Mal, wenn der Deckel geöffnet wird, sendet die Flasche diese Information an einen zentralen Server. Wenn die Einnahme vergessen wird, bekommt der Patient eine warnende SMS.

ROBOMOW
AUTOMATISCHER RASENMÄHER

Der Robomow von Friendly Robotics mäht vollkommen automatisch – kein Mensch muss ihn schieben oder ziehen. Wenn die Batterie sich leert, fährt er selbsttätig zum Aufladen in seine Dockingstation zurück. Hunde und Katzen sind vor dem Mähroboter sicher, denn er dreht sofort um, sobald er einen kleinen Widerstand spürt.

TRILOBITE
STAUBSAUGER-ROBOTER VON ELECTROLUX

Er saugt selbständig, navigiert durch die Wohnung und stellt sich automatisch ab. Der Trilobite-Staubsauger von Electrolux sendet, um sich zu orientieren, ein harmloses Ultraschallsignal aus – ähnlich wie eine Fledermaus. Mit dieser Technik erkennt und umfährt er spielend Hindernisse wie einen Hundefressnapf.

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