Financial Times Deutschland: Mit Bluetooth auf der Überholspur

Mit Bluetooth auf der Überholspur

von Markus Göbel

Den Begriff „Datenautobahn“ kann man bald wörtlich nehmen. Die Marburger Hardwarefirma IP Motion hat einen Internetzugang für das Auto entwickelt, der gleichwertig mit DSL sein soll.

„Wir haben ihn bei bis zu 300 Kilometern pro Stunde im Ferrari getestet, ohne dass die Verbindung abbrach“, sagt IP-Motion-Geschäftsführer Florian Kempff. Die Probe für den Internetzugang fand allerdings im Ballungsraum Frankfurt am Main statt, wo das UMTS-Mobilfunknetz dicht geknüpft ist. „Auf dem platten Land sind die Übertragungsraten natürlich geringer“, schränkt Kempff ein.

Der mobile Internetzugang lohnt sich bislang nur für Autofahrer, die überall per E-Mail erreichbar sein wollen. Der Einbau des „Car-a-Van“-Internetzugangs von IP Motion beispielsweise kostet mehr als 3000 Euro, und für den Betrieb sind vier UMTS-Mobilfunkverträge notwendig. Bisher ist der Zugang vorrangig in Reisebussen vorhanden, aber auch in der Maybach-Limousine von DaimlerChrysler.

Ausweg Bluetooth

Von den digitalen Fähigkeiten des Maybachs müssen andere Autobesitzer noch träumen. Der normale Internetzugang im Auto, wie etwa im BMW, ist ungefähr 100-mal langsamer als DSL und setzt auf die alten Standards WAP und GSM. Ingenieure müssen oft schon mehrere Jahre vor dem Marktstart eines Modells festlegen, welche elektronischen Komponenten im Auto eingebaut werden. Die sind dann meistens veraltet, wenn sie auf den Markt kommen. Deswegen waren im 7er BMW bisher nur Singleband-Telefone zu haben, mit denen man nicht einmal die Netze von E-Plus und O2 benutzen konnte.

Den Ausweg soll die drahtlose Vernetzungsmethode Bluetooth bringen, die sich als Standard für Fahrzeuge etabliert. Thorsten Wichmann, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Berlecon Research: „Bluetooth ist ein sehr robuster Funkstandard, der funktioniert, egal wo die Geräte im Auto liegen.“ Über den digitalen Nahfunk kann jedes moderne Handy an die Freisprechanlage im Fahrzeug angeschlossen werden. Die auf der SIM-Karte hinterlegten Telefonnummern und Kurzwahlen sind damit auch im Auto verfügbar. Das Telefon kann recht bequem durch Knöpfe am Lenkrad bedient werden.

Sprechende Navigationssysteme

Bluetooth bringt zudem Navigationssysteme zum Sprechen. Diese funktionieren heute meist auf Basis von Pocket-PCs, auch PDA genannt. Zu einem kompletten „Navi“ mit Straßenkarten und Sprachausgabe werden die Minicomputer durch die passende Software, einen Empfänger für die Satellitennavigation GPS und den Anschluss an die Freisprechanlage.

Der niederländische Hardwareanbieter Tom Tom geht noch einen Schritt weiter und lässt sogar den Minicomputer weg: Sein „Mobile 5“-Navigationssystem besteht lediglich aus einem GPS-Empfänger mit Bluetooth von der Größe einer Zigarettenschachtel. Die Streckenberechnung und die Kartenanzeige erfolgen auf einem Smartphone-Handy, das auf dem Armaturenbrett festgesteckt werden kann.

Nachgerüstete Technik oft das Modernste im Auto

Da das Entwicklungstempo von Fahrzeug- und Unterhaltungselektronik weit auseinander klafft, ist die nachgerüstete Technik heute oft das Modernste im Auto. „Ein Problem ist, dass die heutigen Autos keine Buchsen zum Anschluss neuer Geräte haben“, sagt Wichmann. Er selbst kann seinen MP3-Player iPod nur über einen Adapter im Kassettenfach seines Autoradios anstöpseln. „Elegant ist das nicht“, sagt er. „Wer lediglich einen CD-Player eingebaut hat, kann gar keinen MP3-Player anschließen.“

In den vergangenen Monaten kamen fast alle Automarken mit Anschlussmöglichkeiten für den iPod von Apple heraus. Sie haben fast keine andere Wahl, erzählt Klaus Goldhammer, Geschäftsführer der Berliner Consultingfirma Gold Media: „Der iPod ist vor allem in den USA so verbreitet, dass jede Firma Erweiterungen dafür anbieten muss, die dort Autos verkaufen möchte.“

ftd.de, 11.09.2005
© 2005 Financial Times Deutschland, © Illustration: AFP

http://www.ftd.de/tm/tk/21569.html

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