Wirtschaftswoche 10/2005: Satte Beats

WIRTSCHAFTSWOCHE, NR. 10/2005, 3.3.2005, S. 60

Spezial

SATTE BEATS

Klingeltöne waren gestern. Das Mobiltelefon wird zur echten Musikbox.

Wenn Jakob Kuznicki früher joggen ging, hatte er die Taschen voll. Handy, Portemonnaie, Schlüssel und den MP3-Player iPod schleppte er auf der fünf Kilometer langen Runde um den Berliner Schlachtensee mit sich herum.

Dreimal pro Woche geht der 35-jährige Betriebswirt nach der Arbeit laufen.

Den MP3-Player lässt er neuerdings zu Hause.

Auf Musik in Stereoqualität muss er trotzdem nicht verzichten, denn er stöpselt seinen Kopfhörer einfach an sein Handy. "Wenn ein Anruf kommt, hält das Lied an", erklärt er, "danach geht die Musik an genau derselben Stelle weiter." Ein wichtiger Punkt für den Manager des Handyportals Jamba. Bisher überhörte er häufig Anrufe, wenn die Musik auf voller Lautstärke lief.

Wenn er Lust hat, kann Kuznicki sogar beim Joggen neue Lieder auf sein Mobil- telefon laden. Drei Tastenklicks, und der Download startet. Auf einem GPRS-Handy dauert es ungefähr drei Minuten und per UMTS, der schnelleren Variante, nur 30 Sekunden bis der Song im Handy gespeichert ist. Bisher kauft Kuznicki die Lieder noch bei Vodafone, wo sie pro Stück 1,99 Euro kosten. Doch zur Cebit will Jamba einen eigenen Service starten.

Jamba springt damit auf einen neuen Trend auf, der die gesamte Mobilfunkbranche erfasst hat. Vodafone, T-Mobile & Co. wollen das Handy als Vertriebsform für Musik etablieren und hoffen auf Millioneneinnahmen – ähnlich wie im Geschäft mit Klingeltönen. Nach Angaben des Interessenverbandes Mobile Entertainment Forum, sind allein in Deutschland im vergangenen Jahr, Klingeltöne im Wert von 183 Millionen Euro verkauft worden.

Wie Musik erfolgreich im Internet verkauft werden kann, hat der Computerkonzern Apple mit seinen iTunes Music Store bereits vorgemacht.

Seit dem Start seines Online-Musikladens iTunes im Mai 2003 hat Apple 250 Millionen Songs verkauft. Der Konzern sieht sich bei einem Anteil von über 70 Prozent am legalen Musikmarkt.

Konsequent, dass auch die Mobilfunker, in das Musikgeschäft einsteigen.

Denn mittlerweile sind die Funknetze so leistungsfähig, dass sich digitale Songs direkt per Funk auf das Handy beamen lassen. Und das geht per Mobiltelefon überall – ganz ohne Internetanschluss zu Hause. "In Japan erwirtschaften die Netzbetreiber mit ihren Diensten zum Herunterladen von Musik auf das Handy bereits 50 Prozent ihrer Einnahmen", sagt Jan Michael Hess, Mobilfunkexperte der Unternehmensberatung Mobile Economy.

Die Mobilfunkbranche setzt vor allem auch deshalb auf das mobile Musikgeschäft, weil es auf dem Handy – anders als im Internet – keine illegalen Musikangebote gibt. Lieder können nur gegen Bezahlung auf das Handy heruntergeladen werden (siehe Kasten Seite 60.) Sie lassen sich nicht auf andere Telefone übertragen, weil sie durch einen Kopierschutz gesichert sind.

Eine echte Konkurrenz für die Internetmusikdienste à la Apple sind die mobilen Musikläden von Vodafone & Co. aber noch nicht. Mit Preisen ab rund zwei Euro für einen Song müssen die Kunden fast doppelt so viel für einen Titel berappen wie beispielsweise im Apple-Online-Musikladen.

Zudem ist die Speicherkapazität in den Handys im Vergleich zu digitalen MP3-Spielern mager. Während das Gerät von Apple 20 000 Titel lagern kann, speichert beispielsweise das Siemens Smartphone SX1 in gleicher Qualität nur 40 Songs.

Doch die neuen Multimediahandys werden immer leistungsfähiger. Samsung kündigte bereits ein Handy mit Festplatte an. Marktführer Nokia stellte auf dem Branchentreffen in Cannes vor wenigen Wochen sein neues UMTS-Handy 6680 mit Speicherkarte vor, auf dem sich bis zu 500 Songs speichern lassen.

Nokia überraschte die Branche außerdem mit einem eigenen mobilen Musik-Download-Dienst in Zusammenarbeit mit der Internetmusikplattform Loudeye sowie einer Kooperation mit dem Softwaregiganten Microsoft, um Apple im Musikgeschäft den Kampf anzusagen. Loudeye verfügt über einen Katalog von rund einer Million Songs. Mit dem neuen Smartphone von Nokia lassen sich Songs im Windows-Media-Player-Format auf das Handy per Funk herunterladen.

Nicht nur Nokia drängt in das Musikgeschäft. Auch das japanisch-schwedische Joint Venture Sony Ericsson kündigte ein Musikhandy an. Und Motorola vereinbarte mit Apple, die iTunes auf das Handy zu bringen.

MP3-Spieler würden damit überflüssig. Noch ist allerdings nicht sicher, ob die Kundschaft tatsächlich auf das mobile Herunterladen von Songs anspringt oder das Handy nur als Abspielgerät für die vorher aus dem Web geladenen Songs nutzt. "Wozu brauche ich eine Luftschnittstelle, wenn ich mir die Songs vom PC auf das Handy laden kann", fragt Arno Wilfert, Berater bei Arthur D. Little in Düsseldorf. Gut möglich, dass sich die Mobilfunkanbieter zu früh freuen.

Mobile Musik-Läden.

Besser Hören.

Das Runterladen von Musikstücken auf das Handy funktioniert bei den verschiedenen Anbietern ähnlich – Angebot und Preise differieren teilweise erheblich. Der Kunde klickt sich durch das Portal auf seinem Handy in die Rubrik Musik und wählt den Song aus, der aus dem Netz auf das Mobiltelefon geladen werden soll. Eine Bestätigung des Kaufs kommt per SMS-Textnachricht. Abgerechnet wird der Song über die monatliche Handyrechnung.

Vodafone live: Die Briten starteten ihren mobilen Musikladen im Juli 2004 und haben inzwischen 100 000 Lieder im Angebot. Bis März 2005 will Vodafone das Programm auf eine halbe Million Musikstücke aufstocken. Jeder Titel kostet 1,99 Euro. Auch ein monatliches Abonnement ist möglich. Dann kosten drei Songs noch fünf Euro. Wer schon ein UMTS-Handy besitzt, dem versüßt Vodafone das Angebot mit einem kostenlosen Song pro Monat. Alle Preise sind Paketpreise – sie enthalten nicht nur das Musikstück, sondern auch die Kosten für die Funkübertragung. Vodafone bietet nicht nur das Herunterladen der Songs über das Handy an, sondern auch über einen Shop im Internet. Ein Titel kann auch mit dem PC im Windows-Media-Format heruntergeladen werden. Der Song auf dem PC kann bis zu dreimal auf eine CD gebrannt werden. Das Handy ist dagegen für den Song eine Sackgasse – es kann von da aus nicht weiter gegebenwerden.

O2 active Music: Der Mobilfunkanbieter O2 startete als erster Anbieter in Deutschland schon im März 2004 seinen Musik-Download-Dienst mit 20 000 Stücken. Heute umfasst die mobile Musikbox 230 000 Lieder. Wer das "Music-Pack" für monatlich 2,95 Euro abonniert, bezahlt pro Stück zwischen 99 Cent und 1,29 Euro. Ohne Monatsabo verlangt O2 zwischen 1,79 Euro und 1,99 Euro pro Titel. Die Übertragungskosten sind im Preis enthalten.

T-Mobile: Der Marktführer im deutschen Handymarkt bietet noch keinen Dienst zum Herunterladen von kompletten Musikstücken an. Nur 90 bis 120 Sekunden lange Schnipsel von aktuellen Songs lassen sich auf das Handy funken. Trotzdem kosten sie pro Stück 1,49 Euro. Einen Dienst mit Liedern in Originallänge kündigten die Bonner bereits für Ende 2004 – er ist aber noch nicht gestartet. Auch der vierte Netzbetreiber E-Plus bietet noch keinen Musik-Download-Dienst an. Markus Göbel

Autor: Göbel, Markus; Hennersdorf, Angela

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