Financial Times Deutschland: Maschinen komplettieren das Gehirn

FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, FREITAG, 16 . JULI 2004
Beilage TECHNIK UND GESELLSCHAFT, S. 2

Maschinen komplettieren das Gehirn

Sie haben sich im Alltag breit und unverzichtbar gemacht: Technische Geräte ergänzen menschliche Fähigkeiten – und machen mitunter sogar klug

Von Markus Göbel

Wer sich gern mal Mikrowellengerichte zubereitet, braucht den Zubereitungshinweis auf der Verpackung demnächst nicht mehr zu lesen – dank Microsoft. In deren "Küche der Zukunft" klebt an jeder Suppendose ein kleiner Computerchip. Er teilt dem Mikrowellengerät per Funk mit, wie lang und auf welcher Stufe es das Essen garen muss.

Auch die anderen Küchengeräte sind per Funk vernetzt und erklären auf Nachfrage mit synthetischer Stimme, wie sich etwa ein Kuchen backen lässt. Aus dem Internet lädt die Küche beliebig viele Rezepte und Funktionserweiterungen.

Im Jahr 2019 sollen die Maschinen endgültig klüger sein als die Menschen, prophezeit der amerikanische Philosoph Ray Kurzweil. Die Computerleistung verdoppele sich alle anderthalb Jahre. Deshalb sei bereits in 15 Jahren mit handelsüblichen Computern zu rechnen, die in allen Bereichen besser funktionierten als das menschliche Gehirn. Bis dahin überträgt die Menschheit immer mehr Aufgaben auf Maschinen und macht sich am Ende mancherorts vielleicht überflüssig. In japanischen Krankenhäusern und Altenheimen kommen bereits heute Roboter zur Therapie von Demenzkranken zum Einsatz. Die Patienten können den Unterschied zu einem Lebewesen ohnehin nicht bemerken. Wenn der kleine Roboterhund Aibo vorbeidackelt, klatschen sie freudig in die Hände und streicheln ihn sogar.

Die Enkel daheim werden dagegen immer klüger. In Deutschland hat die Pisa-Studie zwar katastrophale Bildungslücken offenbart. Weltweit lässt sich jedoch beobachten, dass die Menschen intelligenter werden. Bereits in den 80er Jahren merkte der neuseeländische Wissenschaftler James Flynn, dass die Werte kontinuierlich zunehmen, die Menschen aus hoch industrialisierten Ländern bei Intelligenztests erzielen. Ein Vergleich der Tests von heute mit den Messergebnissen früherer Generationen zeigt ein durchschnittliches Plus des Intelligenzquotienten von drei Prozentpunkten pro Jahrzehnt. In Holland absolvieren Rekruten jedes Jahr einen Test, mit dem ihre Fähigkeit zu abstraktem Denken untersucht wird. Und die steigt sogar um sieben Prozentpunkte pro Jahrzehnt.

Mit solchen Intelligenztests lässt sich nach logischen Vorgehensweisen das Problemlöseverhalten überprüfen. "Es entwickelt sich immer besser durch den Umgang mit Computern und modernen Medien", sagt Medienpsychologe Jo Groebel, Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf. Die Menschheit habe durch ihre steigende Abhängigkeit von Technik bisher mehr gewonnen als verloren. "Als die Sprache sich entwickelte, ging die Fähigkeit zur geruchlichen Kommunikation verloren. Die aktuelle Entwicklung ist ähnlich", sagt Groebel und meint damit: Obwohl die Fähigkeit zum Kopfrechnen nachlässt, macht Technik die Menschen nicht dümmer.

Je mehr Hilfsmittel für eine Tätigkeit bereitstehen, umso schlechter führt der Mensch sie ohne Hilfen aus. Die Psychologin Sabine Grüsser- Sinopoli von der interdisziplinären Suchtforschungsgruppe der Berliner Charité hat gerade eine Studie über exzessive Computernutzung bei Kindern veröffentlicht. Ein Ergebnis: Jeder zehnte Jugendliche verbringt zu viel Zeit am Computer. "Diese exzessiv computerspielenden Kinder unterscheiden sich signifikant von ihren Mitschülern, da sie bei Problemen seltener mit Mitmenschen sprechen und ihre Gefühle mitteilen", sagt Grüsser- Sinopoli. Der Computer diene dazu, Ärger und Trauer zu verdrängen. Dabei verlernt der Computernutzer, sich mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen.

Computer in Kinderhand haben aber auch eine kuriose Seite. "Kinder bedienen Computer oft viel schneller und besser als ihre Eltern", sagt Sabine Grüsser-Sinopoli. "Erstmals in der Menschheitsgeschichte können Eltern von Kindern lernen."

Gleichzeitig weisen Forscher aber auch auf positive Effekte hin, die durch den Umgang mit Technik entstehen: Videospiele etwa, bei denen virtuelle Gegner in rascher Folge eliminiert werden, erhöhen nach Erkenntnissen amerikanischer Forscher die visuellen Fähigkeiten. Zudem sei bei einem erfahrenen Spieler die Reaktionsgeschwindigkeit höher als bei Nichtspielern, berichtet ein Forscherteam der renommierten New Yorker University of Rochester im Fachmagazin "Nature". Selbst bei Personen, die keine Erfahrung im Umgang mit Computerspielen hätten, seien schon nach zehn Stunden Übung bessere visuelle Leistungen und kürzere Reaktionszeiten als vorher zu erkennen. Routinierte Spieler hätten im Vergleich zu unerfahrenen Probanden 30 bis 50 Prozent bessere Reaktionen gezeigt. Sie hätten im Randbereich ihres Sichtfeldes auftauchende Objekte nicht nur weit schneller erkannt, sondern hätten auch deren Anzahl rasch erfasst und richtig angegeben – ohne erst nachzählen zu müssen.

Möglicherweise werden die Menschen durch den ständigen Kontakt mit der Technik den Maschinen immer ähnlicher. Die Evolution ist dadurch vielleicht nicht mehr rein biologisch, sondern auch eine Frage neuer Apparate und Datenverarbeitungstechnik: Auf dem Campus Benjamin Franklin der Berliner Charité entwickeln Professoren ein System namens Brain-Computer Interface. Damit steuern bereits heute Patienten einen Cursor durch ihre Gehirnströme. Solche Geräte könnten irgendwann in den Körper des Menschen einziehen und fester Teil seiner Anatomie werden – sie müssen nur noch entsprechend verkleinert werden. Mensch und Maschine würden dann zu "Cyborgs" verschmelzen, die alles Wissen aus dem Internet direkt übers Gehirn abrufen können.

"Kinder bedienen Computer oft schneller und besser als ihre Eltern"
Sabine Grüsser-Sinopoli, Psychologin

ABHÄNGIG VON TECHNIK

Verändern Maschinen ergänzen die Fähigkeiten des Menschen, lassen ihn aber althergebrachte Fertigkeiten vergessen. Der Umgang mit Computern gelingt heute besser, Feuermachen mit Stein und Zunder schlechter.

Verschmelzen Die Zukunft sieht William Gibson, Autor des Romans "Neuromancer", in Mischwesen aus Organismus und Maschine, den Cyborgs. Herzschrittmacher oder Prothesen könnten eine Vorstufe sein.

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