Financial Times Deutschland: Beim Händedruck überträgt die Haut Daten

FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, FREITAG, 16 . JULI 2004
Beilage TECHNIK UND GESELLSCHAFT, S. 4

Beim Händedruck überträgt die Haut Daten

Forscher arbeiten an elektronischer Kommunikation von Körper zu Körper. Der Mensch selbst wird Stromquelle und Übertragungskabel

Von Markus Göbel

Er wirkt entrückt. Eben noch hat Jan Michael Hess konzentriert am Gespräch teilgenommen, doch plötzlich unterbricht der 33-Jährige sich mitten im Satz, schaut ins Leere und spricht von etwas anderem. Eine Stimme, die nur er hört, redet auf ihn ein, und Hess antwortet: "Ja, wird sofort erledigt." Erklären lässt sich Hess‘ Verhalten mit der Technik: Der Geschäftsführer der Berliner Mobilfunkunternehmensberatung Mobile Economy hat vorhin unauffällig an das Headset seines Handys getippt und ein Gespräch entgegengenommen.

Seit der letzten Cebit laufen immer mehr Menschen durch die Straßen – scheinbar vertieft in Selbstgespräche. Funkkopfhörer mit so genannter Bluetooth-Technik waren der Renner auf der Messe. Am Ohr des Trägers ist solch ein Gerät häufig kaum zu sehen. Hess hat sich gleich eins zugelegt und schwärmt schon vom nächsten Trend. Den hat er kürzlich in Tokio gesehen: Videotelefonie auf dem Handy. "Je emotionaler die Beziehung der Kommunizierenden ist, umso wichtiger werden die Videohandys. Sie können so richtig Schwung in Fernbeziehungen bringen", sagt Hess.

"Menschen möchten mehrere Kommunikationsformen kombinieren, wenn die Übertragungsrate es zulässt", sagt Andreas Oberweis, Professor am Institut für Angewandte Informatik und Formale Beschreibungsverfahren der Universität Karlsruhe. "Wo immer es geht, verschicken die Nutzer über das Internet nicht nur E-Mails, sondern sprechen per Bildtelefonie miteinander und arbeiten etwa gemeinsam an Dokumenten."

Solch eine Kommunikation könnte demnächst auf allen Kanälen an jedem Ort der Erde möglich sein. Dafür tüftelt Oberweis an Anwendungen für das "Evernet". Das ist ein weiterentwickeltes Internet, an das in Zukunft alle elektronischen Geräte über Funk angebunden sein sollen und bei dem sie unbegrenzte Bandbreite zur Verfügung haben. "Zwar ist es noch eine Vision", schränkt Oberweis ein. "Aber wir haben uns angenähert." Fast überall können Handybenutzer heutzutage mit ihrem Gerät ins Internet gehen, und im nächsten Jahr kommen die ersten Laptops mit der Funktechnik Wimax auf den Markt. Sie können im Umkreis von bis zu 50 Kilometer um eine Sendestation eine drahtlose Internetverbindung aufbauen und in 200facher UMTS-Geschwindigkeit surfen – ohne dass dafür Telefonkosten anfallen.

Damit sich auch alle am Körper getragenen Geräte an das Evernet anschließen lassen, gibt es den "menschlichen Datenbus", auf den der Softwarekonzern Microsoft kürzlich ein Patent bekam. Es beschreibt eine Methode, um Strom und Daten an Geräte zu liefern, die an den menschlichen Körper angeschlossen sind. Der Mensch wird so zum Stromkabel und zum Datenleiter seiner Technik, die er mit sich herumträgt. Eine Batterie am Gürtel schickt ihren Strom über die Haut zum Handy, zum Radio oder zum MP3-Spieler. Alle Geräte brauchen nur ein gemeinsames Paar Lautsprecher, weil sie miteinander vernetzt sind. Wenn sich zwei Menschen treffen, tauschen sie beim ersten Händedruck ihre elektronischen Visitenkarten aus, übertragen Dateien mit ihren Lieblingsliedern. Um das beängstigende Szenario aus dem Film "Matrix" komplett zu machen, fehlt nur noch, dass die Maschinen ihren Strom direkt aus dem menschlichen Körper saugen.

Von Schreckensvisionen lässt sich aber niemand abhalten, wenn er neue Geräte testen möchte. Davon jedenfalls gibt Christian Heinisch sich überzeugt. "Wir sind süchtig danach, jede neue Technik zu verwenden und uns zu ihrem Sklaven machen", sagt Heinisch. Er ist Geschäftsführer der Firma Newbase in Hamburg, die Programme entwickelt, mit denen sich digitale Pressespiegel erstellen lassen. Heinisch beschäftigt sich seit langem mit der Datenflut, die durch neue Kommunikationstechniken über uns hereinbricht. Neben seiner Arbeit hält er Vorträge und Seminare zum Thema Informationsbewältigung. Die totale Vernetzung der Menschen und ihre ständige Erreichbarkeit beurteilt er negativ. "Dadurch wird der Empfänger einer Information zum Sklaven des Senders. Der Sender weiß immer, dass seine E-Mail oder seine SMS angekommen ist und erwartet sofort eine Reaktion", sagt Heinisch.

Das führe bei manchen Menschen zu schweren Störungen, berichtet der Berliner Psychiater Sebastian Schildbach. In seiner Praxis behandelt er einen Mann, der sich tatsächlich abhängig von der Technik gemacht hat: Tagsüber telefonierte der Manager einer Pharmafirma fast pausenlos und surfte im Internet. Abends setzte er sich zu Hause hin und bereitete am Computer geschäftliche Präsentationen vor. Darüber vernachlässigte er sich so stark, dass er oft zwei bis drei Tage lang nichts aß, unter Schlafmangel, Kopfschmerzen und Ohrenpfeifen litt. "Der Patient leidet an einer narzisstische Störung. Die bewirkt, dass er sein Selbstwertgefühl aus seiner ständigen Erreichbarkeit bezieht", sagt Schildbach. Der Psychiater beobachtet bei immer mehr Patienten, dass das Benutzen von Handys ihre Impulskontrolle verschlechtert. "Bei jedem Gedanken müssen sie sofort jemanden anrufen. Dieses Verhalten überträgt sich in andere Bereiche des Lebens", sagt Schildbach.

Als nächster Bereich ist anscheinend die Liebe dran. "Onlinedating ist schon ein Riesengeschäft, und Videodating auf dem Handy wird ein noch größeres werden", sagt Mobilfunkexperte Hess. Beim Videodating tauschen die Gesprächspartner neben Worten auch bewegte Bilder. In Zukunft würden sich Jugendliche in der Disko mit ihren Handys in Chatrooms einklinken und Leute kennen lernen, die an anderen Orten feiern. "Der Videocall macht die häufig enttäuschenden Blinddates, auf die man sich bei Internet-Flirts einlässt, überflüssig", sagt Hess. Fragt sich, wozu die Jugendlichen dann noch Diskos besuchen.

"Wir sind süchtig danach, jede neue Technik zu verwenden"
Christian Heinisch, Softwarefirma Newbase

WAS IST DAS EVERNET?

Netzwerk Der Begriff Evernet steht für ein Hochleistungs-Breitband-Funk-Internet der Zukunft. Bald soll der Mensch von einem Netz kommunizierenden Objekte umgeben sein.

Vision Armbanduhren, Brillen, Turnschuhe und Jacken, digitales Papier, Wandfarben, Türklinken und Autos bekommen eigene Internet-Adressen und verbinden sich zur intelligenten Umgebung. Neben den Menschen sind alle Geräte ständig online.

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