Financial Times Deutschland: Neue Geräte führen zu neuer Gesprächskultur

ftd.de, Di, 22.6.2004, 11:00

FTD-Serie: Neue Geräte führen zu neuer Gesprächskultur

Von Markus Göbel

Die Antwort auf einen Brief ist manchmal tagelang unterwegs, die Antwort auf eine SMS kann dagegen innerhalb von Minuten erfolgen. Die technische Innovation ist aber nicht unbedingt ein kultureller Fortschritt.

Seit es SMS gibt, hat sich das Leben von Angela Merkel "dramatisch verändert". Selbst zu Hause in der Küche tippe sie Nachrichten und lasse dabei manchmal "die Rouladen anbrennen", sagte die CDU-Chefin neulich in der Talkshow von Johannes B. Kerner. Auch in Sitzungen schreibe sie ständig SMS.

Damit ist sie nicht der einzige Politiker, der sich ablenken lässt: Im Dezember nahm der estnische Verkehrsminister Meelis Atonen per Laptop übers Internet an einer Kabinettssitzung in seiner Hauptstadt Tallinn teil, während er in Genf saß und eigentlich einem Redner auf der Uno-Tagung zuhören sollte.

Mobiltelefone und Internet haben den Informationsaustausch extrem beschleunigt. Doch ob sie die Kommunikation verbessert haben, ist fraglich. "Die dauernde Erreichbarkeit und der Zwang, sofort zu reagieren, führen zu einer Zerstückelung des Alltags", sagt Axel Freyberg, Mobilfunkexperte und Mitglied der Geschäftsführung der Unternehmensberatung AT Kearney.

SMS gehen in die Milliarden

Rund 25,5 Milliarden SMS haben die Deutschen im vergangenen Jahr verschickt, die Zahl der Handynutzer stieg auf 64,78 Millionen. Zusätzlich werden weltweit täglich 31 Milliarden E-Mails versendet, schätzt das Marktforschungsunternehmen IDC.

"Es werden immer schnellere Antworten verlangt", sagt der SMS-Forscher Joachim Höflich, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt. Während die Antwort auf einen Brief tagelang warten kann, müssen E-Mails innerhalb von Stunden und SMS innerhalb von Minuten beantwortet werden. Die Wissenschaft spricht vom "Rebound-Effekt". "Neue Kommunikationsmittel beschleunigen zwar die Kommunikation, aber es werden immer mehr belanglose Dinge kommuniziert, so dass keine Zeit gespart wird", sagt Klaus Goldhammer, Professor an der Rheinischen Fachhochschule Köln und Geschäftsführer der Medienberatung Goldmedia.

Das zeigt sich besonders beim "Instant Messaging" im Internet, bei dem die Nachrichten direkt auf dem Bildschirm erscheinen, sobald sie gesendet werden. Wer genügend Freunde in seiner "Buddy-Liste" eingetragen hat, muss den ganzen Tag Botschaften wie "Was machst Du gerade?" beantworten. "Entgegen allen Befürchtungen vereinsamen die Menschen nicht. Die persönlichen Bindungen werden sogar noch enger", sagt Höflich.

Suchtgefahr SMS

Manchmal wird die Nähe zur Sucht, wie im Fall eines dänischen Taxifahrers, der bis zu 200 SMS am Tag verfasste und dann in eine Klinik eingeliefert wurde. Die Kurznachricht bewirkt die Ausschüttung des Neuro-Botenstoffes Dopamin, der auch für die Sucht nach Alkohol oder Schokolade verantwortlich ist. Trotzdem bestehe kein Grund für Kulturpessimismus, sagt Patrick Rössler, Professor für empirische Kommunikationsforschung an der Universität Erfurt. "Die Menschen waren rückblickend immer in der Lage, die notwendigen kognitiven Fähigkeiten auszubilden, um neue Kommunikationsformen zu bewältigen."

Die CDU-Chefin Angela hat zumindest schon einmal die Mailbox ihres Handys abgeschafft. Manch einer hatte so lange draufgesprochen, dass sie einfach die Lust verlor, die Nachrichten abzuhören.

SMS: SIEGESZUG EINES NOTBEHELFS

Beginn Die Abkürzung SMS steht für "Short Messaging Service". Den Erfolg dieses Systems hat am Anfang niemand kommen sehen. Ursprünglich waren die Kurznachrichten kostenlos. Techniker haben sie eigentlich nur dazu entwickelt, um die Besitzer von Handys über Anrufe auf ihrer Mailbox zu benachrichtigen.

Aufstieg Heute hat sich rund um die Kurznachrichten ein Riesengeschäft entwickelt: Die Kosten für die Herstellung einer Kurznachricht fallen nach Auskunft von Experten zwar so gering aus, dass sie "fast nicht messbar" sind. Aber für das Verschicken verlangen die Serviceanbieter rund 20 Cent pro Kurznachricht.

Konsequenz Die SMS hat die Kommunikation verändert: Kurznachrichten beschleunigen zwar den Austausch zwischen den Menschen. Aber gleichzeitig werden dadurch immer mehr belanglose Dinge kommuniziert, haben Experten festgestellt. Die neue Technik hilft also nicht unbedingt Zeit sparen, sondern lenkt mitunter ab.

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