Financial Times Deutschland: Fernsehen – Einheitsprogramm steht vor dem Ende

ftd.de, Di, 22.6.2004, 11:00

FTD-Serie: Fernsehen – Einheitsprogramm steht vor dem Ende

Von Markus Göbel

Das Fernsehen steht vor einer Revolution. Zuschauer stellen sich künftig ihre persönlichen Lieblingssendungen selbst zusammen.

Unter dem Schreibtisch in einer Braunschweiger Wohnung stehen zwei Computer. Einer saugt Tag und Nacht die neuesten Kinofilme aus dem Internet. Auf dem anderen schreibt der Besitzer seine Briefe, damit er sich beim Herunterladen keinen Virus einfängt. Am Wochenende kuschelt er sich mit seiner Freundin ins Bett und schaut einen Film nach dem anderen, wozu er einen Fernseher an den Computer angeschlossen hat. Ungefähr 50 der neuesten Kassenschlager hat der Fließbandarbeiter von Volkswagen immer vorrätig. Nach dem Anschauen löscht er sie, weil das Angebot beim illegalen Video-Download im Internet grenzenlos ist. Und weil er illegal handelt, möchte er auch ungenannt bleiben.

Mit seiner privaten Programmgestaltung könnte er ein neues Kapitel in der Geschichte der Mediennutzung schreiben. Denn "ein positiver Effekt des Fernsehens ist bisher, dass es zur gesellschaftlichen Integration beiträgt", sagt Hans-Bernd Brosius, Professor für empirische Kommunikationsforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Die Menschen werden kommunikationsfähig, weil das Fernsehen ihnen gemeinsame Gesprächsthemen liefert." 98 Prozent der deutschen Haushalte besitzen mindestens ein TV-Gerät, das sind rund 56 Millionen Apparate.

Eine der wichtigsten Folgen: Das Fernsehen bringt uns um den Schlaf, weil die besten Sendungen abends laufen. Erwachsende schlafen pro Tag 70 Minuten weniger als ihre Großeltern. Bei Kindern und Jugendlichen beträgt die Differenz gegenüber ihren Altersgenossen des Jahres 1910 sogar 90 Minuten. Das stundenlange Zappen durch die Programme ist zur zweiten Natur geworden. Die Sender versuchen mit immer radikaleren Mitteln, ihre Zuschauer zu halten. In der RTL-Sendung "Fear Factor" mussten die Kandidaten gekochte Schafsaugen essen und Hähnchenschenkel mit dem Mund aus einem mit Insekten gefüllten Becken fischen. Doch "die Kritik am Fernsehen ist so alt wie das Fernsehen selbst", sagt Brosius. "Schon die erste Studie über das Fernsehen in Deutschland hatte zum Ergebnis, dass die Qualität immer schlechter wird." Das war vor etwa 50 Jahren.

PC mit Fernbedienung im Trend

Trotzdem înteressieren sich jetzt immer mehr Menschen dafür, ihr Programm am Computer selbst zu gestalten. "Zum Beispiel waren die kürzlich bei Aldi verkauften PCs bereits mit TV-Empfang und drahtloser Vernetzung ausgerüstet. Der Trend geht zum PC mit Fernbedienung", sagt Reiner Kreplin, Manager für digitale Heimprogramme beim Chiphersteller Intel.

Die vor einigen Monaten auf den Markt gekommenen Unterhaltungs-PC sehen aus wie eine Stereoanlage und müssen nicht mehr per Tastatur bedient werden. Im Wohnzimmer ersetzen sie Videorekorder, CD- und DVD-Spieler, brennen CDs und DVDs und laden Musik und Filme aus dem Internet. "Das Nutzerverhalten wird sich in den kommenden Jahren ändern", sagt Björn Fehrm von Fujitsu Siemens Computers. "Jedes Familienmitglied wird in dem digitalen Videorekorder seine Vorlieben abspeichern, und das Gerät nimmt selbstständig die passenden Programme auf."

Zappen könnte also überflüssig werden, sobald jeder immer seine Lieblingssendungen sehen kann. Nur wer möchte seinen Fernseher wie einen Computer bedienen? Der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma bezeichnete einmal Einschalten, Lautstärke und Umschalten als wichtigste Bedienfunktionen des Fernsehens. Mehr sei auch nicht sinnvoll.

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