Financial Times Deutschland: Der Doktor ist überall

ftd.de, So, 6.6.2004, 14:00

FTD-Serie: Der Doktor ist überall

Von Markus Göbel

Neue Techniken ermöglichen die Überwachung von Patienten per Internet und Handy

Die Herzschmerzen werden immer schlimmer, doch der alte Mann möchte noch nicht den Notarzt rufen. Vielleicht wieder falscher Alarm? Doch während er abwartet, verstreicht lebenswichtige Zeit.

"Rund 50 Prozent der Herzinfarktpatienten sterben, bevor sie die Klinik erreichen", sagt Benjamin Homberg von der Firma Vitaphone. Hombergs Firma vertreibt das so genannte Herz-Handy: Mit der Notruftaste am oberen Ende des Mobiltelefons erfolgt der Verbindungsaufbau zum Servicecenter, das Tag und Nacht mit Ärzten besetzt ist. Eine zweite Taste startet eine EKG-Aufzeichnung, wozu das Telefon einfach auf die nackte Brust gedrückt wird. Die Herzdaten werden ins Servicecenter übertragen.

Durch das eingebaute Global Positioning System (GPS) kann der Patienten über Satellit bis auf einige Meter genau geortet werden. Zur Cebit präsentierte Vitaphone die erste EKG-Übertragung per UMTS, die nun auch eine kontinuierliche Überwachung ermöglicht. "Herzpatienten, die vor einer Transplantation stehen, könnten so zu Hause auf ihr Spenderherz warten, wenn nicht andere Gründe einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen", sagt Homberg.

Televisite spart Pflegetage

Eine solche Fernüberwachung bringt nicht nur Lebensqualität für die Patienten, sie spart auch Kosten im Gesundheitswesen. Aus dem gleichen Grund entlässt die Bergmannsheil Universitätsklinik Bochum manche Patienten mit offenen Knochenbrüchen so früh wie möglich. Der Patient fotografiert zu Hause täglich seine Wunde mit einer Digitalkamera und überträgt die Bilder auf einen tragbaren Computer, den das Krankenhaus ihm mitgegeben hat.

Danach füllt er einen Fragebogen über seine Schmerzen aus und sendet die Daten über die eingebaute Mobilfunkkarte auf den Zentralrechner der Klinik, wo der Arzt sie abruft und Anweisungen zur Selbstbehandlung gibt. "Patienten mit postoperativen Wunden können auf diese Weise drei Tage früher entlassen werden. Dadurch werden ungefähr 600 Euro pro Pflegetag eingespart", sagt Johannes Schmitz, Geschäftsführer der Bochumer Firma Teltra, die die "Televisite" Anfang des kommenden Jahres auf den Markt bringen will.

Ferndiagnose im Flugzeug

Weltweiten Absatz erhofft auch die Berliner Charité für ihren Notfallkoffer, den sie in ausgewählten Maschinen der Lufthansa testet. Er nimmt ein EKG auf, misst Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung des Blutes sowie die Körpertemperatur und sendet sie an einen Arzt am Boden, der den Patienten über eine Kamera in Augenschein nehmen kann.

Gesendet werden die Daten über den neuen Breitband-Internetzugang FlyNet, mit dem die Lufthansa ihren Gästen seit kurzem das Websurfen während des Fluges nahezu in DSL-Geschwindigkeit ermöglicht. Die Ferndiagnose soll Ausweichlandungen vermeiden helfen, die mehrere Hunderttausend Dollar kosten können. Der erste Prototyp des Notfall-Alleskönners soll in einem halben Jahr bereitstehen.

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http://www.ftd.de/ub/di/1085754675580.html?nv=se

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