Wirtschaftswoche 12/2004: FERNSEHEN / Glotze auf dem Handy

Wirtschaftswoche NR. 012 VOM 11.03.2004 SEITE 126

Spezial

FERNSEHEN / Glotze auf dem Handy

Mit dem Mobiltelefon fotografieren und Videos aufnehmen – das ist Technologie von gestern. Jetzt kommt das digitale Fernsehen aufs Handy.

Thomas Goppels Gesicht ist eingefroren. Schon seit zwei Minuten hat der bayrische Wissenschaftsminister nicht einmal geblinzelt oder die Lippen bewegt. Trotzdem hört man ihn weiter reden. Bis plötzlich sein versteinertes Gesicht hinter einer Schrift verschwindet: "Progr. Geschl. Real One Player (5) Kern Exec 3" steht quer über das Handydisplay geschrieben. Das Technik-Kauderwelsch muss man nicht verstehen. Jetzt hilft nur noch eins: das Handy ausschalten.

Wer sich heute im so genannten "Live-Videostream" die Nachrichten des Fernsehsenders n-tv auf dem Handy anschauen will, der sieht überwiegend ruckelnde Bilder auf dem Display. Die gewohnte Fernsehqualität liefert das mobile live TV-Angebot, das der Mobilfunkbetreiber T-Mobile mit dem Nachrichtensender n-tv anbietet, längst noch nicht. Dafür reichen die Übertragungsraten in den derzeitigen Mobilfunknetzen nicht aus.

Doch das wird sich ändern. Eine neue Technologie bringt das Fernsehen in klarer digitaler Qualität auf den Handyschirm. "Digital Video Broadcasting for Handhelds" – kurz DVB-H – nennt sich die neue Technologie. Mit ihr ist der digitale Fernsehempfang auch auf Mobiltelefonen oder Taschencomputern möglich. Die brauchen dazu lediglich ein entsprechendes Empfangsmodul. Der Übertragungsstandard ist die mobile Variante der neuen digitalen Fernsehtechnik – im Fachjargon DVB-T genannt – das T steht für terrestrisch. Im vergangenen Jahr hat diese Technik in Berlin und Brandenburg die Ausstrahlung analoger Fernsehprogramme bereits abgelöst. Zukünftig wird die Digitaltechnik auch in den übrigen Bundesländern analoge Fernsehsender ersetzen. Vorteil: Wo bisher ein analoger Sender ausgestrahlt wurde, werden jetzt – wie gewohnt über die Hausantenne – vier digitale Programme auf einem Kanal gesendet. Die Zuschauer genießen so mehr TV-Programme in einer besseren Qualität. Sie müssen nur eine so genannte Settop-Box für rund 100 Euro kaufen und an den Fernseher anschließen.

Mit der mobilen Fernsehtechnik DVB-H ist es nun möglich, die Tagesschau auch auf dem Handy zu empfangen. DVB-H passt die digitalen Bilddaten den kleinen Handydisplays an und reduziert den Stromverbrauch. "Damit die Batterien nicht schon vor der Wettervorhersage den Geist aufgeben, reduziert DVB-H den Leistungsverbrauch der Handyakkus etwa auf ein Sechstel", sagt Technikexperte Ulrich Reimers, Leiter des Instituts für Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Braunschweig und Technikchef im Branchenverband DVB-Forum.

Die für diese Technik erforderlichen Mobiltelefone, die mit einem Adapter für den Empfang von Fernsehsignalen ausgestattet sind, haben Hersteller wie Nokia, Samsung, NEC oder Sanyo bereits vorgestellt. Sie sollen Anfang 2005 auf den Markt kommen.

Erste Probeläufe mit dem Handy-TV starten im Sommer in mehreren europäischen Städten. In Berlin beginnt Mitte des Jahres ein Pilotversuch mit 20 bis 50 Testpersonen, die das mobile Fernsehen auf a speziellen Handys und Kleincomputern ausprobieren können. Ganz vorne dabei ist der finnische Handyhersteller Nokia mit dem neuen mobilen Multimediahandy 7700. Mit dem lässt sich nicht nur per Internet-Browser im Web surfen, daran kann auch ein Empfangsmodul fürs mobile Fernsehen angeschlossen werden.

Gemeinsam mit der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, dem Mobilfunker Vodafone, dem Unterhaltungselektronikkonzern Philips und dem Medienkonzern Universal testen die Finnen, welche mobilen Handy-TV-Dienste die Kunden nutzen wollen.

Einen noch größeren Versuch startet Nokia mit den finnischen Mobilfunknetzbetreibern TeliaSonera und Radiolinja im Raum Helsinki im kommenden Herbst. Für 500 Nutzer liefern gleich drei finnische TV-Stationen die Fernsehprogramme.

Ist das Handy-TV die nächste digitale Mobilfunkrevolution, mit der die dritte Mobilfunkgeneration, der Standard UMTS, endgültig zum Flop wird? Abendfüllende Spielfilme wird sich zwar wohl kaum jemand auf dem Handy-Mäusekino anschauen wollen. Doch die Sportschau, das Heute-Journal oder ein MTV-Musikclip kommen schon eher infrage. Derlei mobile Multimediadienste wie Live-TV-Übertragungen von Sport-, Musik- oder Nachrichtensendungen sollten aber über die neuen mobilen UMTS-Funknetze für Umsätze bei den Mobilfunkbetreibern sorgen.

Technikexperte Reimers ist sicher: "DVB-H ist die bessere Variante für solche Dienste. In einer UMTS-Funkzelle können nur wenige Nutzer gleichzeitig mit guter Qualität eine Live-Übertragung empfangen, weil sich viele Nutzer die Bandbreite in der Funkzelle teilen müssen." Bei der neuen digitalen Fernsehtechnik ist es egal, wie viele Nutzer gleichzeitig fernsehen.

Nokia-Manager Mika Kavanti geht davon aus, dass sich UMTS und das neue mobile Handy-TV gut ergänzen werden. "Rundfunkgesellschaften und Mobilfunkbetreiber müssen eng zusammenarbeiten," so Kavanti. Geht es nach den Plänen von Nokia, dann stellen die Rundfunkgesellschaften die Frequenzen für das Handy-TV nach DVB-H zur Verfügung, die Mobilfunknetzbetreiber bieten mobile Zusatzdienste an und sind für deren Abrechnung zuständig. Kavanti: "Ideal wäre ein Angebot, das neben einem kostenlosen mobilen Basis-TV-Programm auch Pay-TV und interaktive mobile Dienste bietet."

Beispielsweise könnte sich der Fußballfan, der auch auf der Dienstreise auf keinen Fall das Länderspiel verpassen will, das Spiel am Flughafen oder im Taxi auf dem Handy per DVB-H anschauen. Die Videosequenz mit den besten Toren könnte er sich per UMTS auf sein Handy runterladen.

Eine andere Anwendung, die im Berliner Handy-TV-Pilotprojet getestet wird, ist "KeyToSee", dass Freischalten von TV-Angeboten über das Mobiltelefon: Der Nutzer bekommt Trailer für TV-Filme auf sein Handy gespielt und kann bei Interesse den Film für die Ausstrahlung auf seinem heimischen Fernseher bestellen. Bezahlt wird das Pay-TV per Mobilfunkrechnung. "UMTS bietet interaktive, persönliche Dienste. DVB-H sendet mobile TV-Programme, die nur zu einer ganz bestimmten Zeit an viele Nutzer gleichzeitig ausgestrahlt werden", sagt Kavanti. "So profitieren Mobilfunkbetreiber und Rundfunksendeanstalt."

Axel Freyberg, Telekomexperte bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney ist da anderer Meinung. "Der freie TV-Empfang in Handys könnte das Geschäft der Mobilfunkanbieter beeinträchtigen, wenn die Kunden in Zukunft auf ihren Handys kostenfrei fernsehen, anstatt SMS zu verschicken oder andere kostenpflichtige Angebote zu nutzen."

Zwar hoffen die Mobilfunker, dass das mobile Fernsehen nicht kostenlos von den Rundfunkstationen gesendet wird, aber abgesehen von der monatlich zu zahlenden Gebühr an die GEZ, verbieten bisher die Mediengesetze normale Fernsehprogramme als Pay-TV auszustrahlen.

Rein technisch könnten die Mobilfunker sogar ganz aus dem Spiel genommen werden. Schließlich sind die Frequenzen für die Fernsehsender in der Hand der Landesmedienanstalten. "Wer auf seinem Handy nur fernsehen will, braucht keinen Mobilfunkbetreiber und auch keine zusätzlichen Videodienste per UMTS," sagt Jan Michael Hess vom Berliner Beratungsunternehmen Mobile Economy. "Er kauft sich einfach ein Smartphone mit digitalem TV-Adapter."

Autor: MARKUS GÖBEL

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