Wirtschaftswoche 23/2003: MOBILE DIENSTE / Teurer Flirt

Wirtschaftswoche NR. 023 VOM 29.05.2003 SEITE 082

Spezial

MOBILE DIENSTE / Teurer Flirt

Das Geschäft mit den Abzocker-SMS blüht. Windige Anbieter schröpfen ahnungslose Handykunden.

Das Handy piept schon wieder. "Nicht so fix!", tippt die 23-jährige Petra in ihr Mobiltelefon. "Lass uns doch erst einmal kennen lernen! Wie heißt du eigentlich?" Und flugs bekommt sie die nächste mobile Kurznachricht von ihrem unbekannten Partner. Die Hamburger Politikstudentin Petra arbeitet als Animierdame in einem SMS-Erotik-Chat. Von abends neun Uhr bis in die frühen Morgenstunden fließen auf ihre Handykurzwahl 87000 die kleinen mobilen Textbotschaften – ein teures Vergnügen, jeder Flirt kostet knapp zwei Euro.

Das Geschäft mit der so genannten Premium SMS floriert. Sie ist die kommerzielle Variante der einfachen Textbotschaft per Handy. Mit den neuen fünfstelligen Kurzwahlen ist das lukrative Modell der 0190erNummern aus dem Festnetz auch per Handy möglich. Die Handhabung ist einfach: Der Kunde schickt eine SMS an eine Kurzwahl und bekommt dafür Klingelton, Logo oder die Flirt-SMS aufs Display geschickt. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Der mobile Einkauf erscheint auf der nächsten Handyrechnung unter der Rubrik Mehrwertdienste. Je nach Anbieter sind zwischen 29 Cent und drei Euro pro Nachricht fällig.

2003 soll das Boom-Jahr der teuren Kurznachrichten werden. Schon 2002 erzielten die deutschen Mobilfunkbetreiber mit der Premium-SMS 218 Millionen Euro Gewinn. "In diesem Jahr werden es sogar 574 Millionen sein", erwartet John Strand, Geschäftsführer der dänischen Mobilfunkmarktforschung Strand Consult.

Den Vorwurf der Abzocke weisen Anbieter zurück: "Der Preis ist fest. Ein Klingelton kostet genau 1,99 Euro", sagt Christian Römmert vom SMS-Diensteanbieter Net-size. "Bisher mussten die meist jugendlichen Kunden eine 0190er-Nummer anrufen, die sie oft drei bis fünf Minuten in der Warteschleife hielt. Das machte den Preis unkalkulierbar und viel teurer."

Doch abgesehen von wenigen seriösen Anbietern, entpuppt sich das neue Medium immer mehr als Spielwiese windiger Anbieter – vor allem für Erotik-Chats. "Überraschung! Jemand, den du kennst, steht auf dich! Ruf zurück!" lautet die unerwartete SMS-Nachricht im mobilen Postfach. Wer neugierig darauf antwortet, ohne zu prüfen, von wem die Nachricht kommt, verschickt eine teure SMS und landet in einem Erotik-Chat. Die Hamburger Studentin Petra etwa wird von ihrem Arbeitgeber, der Hamburger Firma 2tell, nach der Menge der eingegangenen Nachrichten bezahlt. Damit die Dialoge nicht abbrechen, beendet sie ihre Erotik-SMS meist mit einer Frage. Damit verlockt Petra jeden Kunden zu durchschnittlich 20 Premium-Botschaften. Kostenpunkt des Vergnügens: fast 40 Euro.

"Ich schätze, dass in Deutschland mit Erotik-Chats täglich 100 000 SMS zum Preis von 1,99 Euro und mehr generiert werden", sagt M****** L************, Geschäftsführer der Hamburger Whatever Mobile, die die technische Infrastruktur für die mobilen Dienste liefert.

Die Masche funktioniert auch mit der Aufforderung zum Anruf: "Sie haben einen Hotelgutschein gewonnen", lockt ein Text auf dem Handy. Wer zurückruft, landet bei Zeitungsdrückern, die bei Vertragsabschluss mit dem Gutschein locken – und muss für das Telefonat auch noch teuer bezahlen.

Die Handynummern besorgen sich die Anbieter über Direktmarketingfirmen oder von ausländischen Mobilfunkbetreibern etwa auf den Fidschi-Inseln. Die Telefongesellschaften von der Südseeinsel haben Zugang zu den Datenbanken der hiesigen Mobilfunkbetreiber, weil sie mit diesen Abrechnungsabkommen getroffen haben. "Noch einfacher geht’s bei den schwarzen Schafen per Zufallsgenerator", sagt Dirk Kraus, Vorstand des Berliner Marketingdienstleisters Yoc.

Verschickt werden die Nummernblöcke per Computer über Firmen, die ihr Geld mit dem Versand von Textbotschaften verdienen – wie der Dortmunder Mobilfunkdienstleister Materna oder Whatever Mobile. Diese sind zwar bemüht, sich von den SMS-Bombardements abzugrenzen. "Bei uns muss jeder Anbieter vertraglich versichern, dass er Nachrichten nur an Handykunden sendet, die mit dem Empfang einverstanden sind",versichert Whatever Mobile-Chef L************. "Hält er sich nicht daran, sind 10 000 Euro Strafe fällig."

Doch selbst solche Summen schrecken die Geschäftemacher nicht ab. Der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg liegen etliche Beschwerden ahnungsloser Handykunden vor, die aus Neugierde auf unverlangt zugesandte SMS reagiert hatten. In einem Fall fordert ein Netzbetreiber für den Chat per Premium-SMS rund 1600 Euro. Bisher sind die SMS-Versender nicht verpflichtet, die Preise für ihre Kurzbotschaften zu nennen. Solche Angaben sind freiwillig. "Allerdings hat bereits die TV-Werbung für 0190er-Nummern gezeigt, dass diese Information meistens unterbleibt", sagt Michael Wachs, Verbandsjustiziar der Verbraucherzentrale Niedersachsen. "Die schwarzen Schafe sind in der Mehrzahl."

Als Onlinebezahlmethode für seriöse Anbieter kommen die teuren Kurzwahlnummern deshalb kaum zum Einsatz. Yoc-Vorstand Kraus: "Die Premium-SMS hat ihr Image als Pornokanal weg."

Autor: MARKUS GÖBEL

Kein Missbrauch
In Ihrem Artkel kann durch die unglückliche Platzierung unseres Firmennamens und meines Fotos neben einer Bildunterschrift der Eindruck entstehen, dass unser Unternehmen in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Missbrauch von Premium SMS steht. Wir möchten daher feststellen, dass wir weder selbst zu Erotik-Chats aufrufen oder Pseudogewinnspiele betreiben, noch dass wir ein solches Verhalten bei unseren Kunden dulden. Vielmehr sichern alle unsere Kunden zu, unter Androhung einer Vertragsstrafe in Höhe von 10000n Euro solche Aktionen nicht durchzuführen. Auch ist keiner unserer Kunden jemals mit einem solchen gesetzwidrigen Verhalten aufgefallen.
M****** L************, Geschäftsführer Whatever Mobile, Hamburg

Herr L************ hat Recht. Wir bedauern, dass ein falscher Eindruck entstehen konnte.
Die Redaktion

Links:

Kostenrisiko Premium-SMS
http://www.dialerschutz.de/home/Premium-SMS/premium-sms.html

Pressemitteilung der Verbraucherzentrale Sachsen, 22.10.2003
Kostenfalle: Der schnelle Flirtkontakt per SMS
http://www.vzs.de/UNIQ113381469820649/link19991A.html

Chat-Betrug: Teure Nummern. 06.03.2004
http://www.stern.de/wirtschaft/unternehmen/magazin/index.html?id=521045

Betrügerischer SMS-Chat-Dienst vom Netzbetreiber gesperrt.
Statt eines SMS-Flirts gab es eine dicke Rechnung. 24.09.2003
http://www.teltarif.de/arch/2003/kw39/s11614.html

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Veröffentlicht in Artikel, Deutsch, Wirtschaftswoche
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