Das Österreichische Industriemagazin 02/2003: Killer im Kittel

DAS ÖSTERREICHISCHE INDUSTRIEMAGAZIN, Nr. 2 – Februar 2003, S. 66/67

Killer im Kittel

Die „Killerapplikation“ für die neuen UMTS-Netze könnte aus der Medizin kommen. Denn während Videofilme am Handy niemanden vom Hocker reißen, gibt der stetig überwachte Herzpatient den Netzen neuen Sinn.

Die Attacke kam im Schlaf. Als den alten Mann die stechenden Brustschmerzen wecken, ist es eigentlich schon zu spät. Er schafft es nicht, sich aufzurichten, um Hilfe zu holen. Das Telefon liegt in unerreichbarer Entfernung – doch der Rettungswagen ist trotzdem schon unterwegs. Er wurde automatisch alarmiert. Das Body Area Network (BAN), ein drahtloses Computernetz, das den Patienten wie eine unsichtbare Wolke umgibt, hat die lebensgefährlichen Herzwerte schon vor vielen Minuten über das UMTS-Handy auf dem Nachttisch an die Ärztezentrale übermittelt.

Zukunftsmusik? Nicht unbedingt. Das beschriebene System ist Ende des Vorjahres auf der Medizin-Messe Medica in Düsseldorf vorgestellt worden. Der Patient liegt, ohne kompliziert verkabelt zu sein, im Bett. Das Messgerät, das an seinem Brustkorb befestigt ist, kommuniziert drahtlos per Bluetooth mit der zentralen Schaltstelle – in diesem Fall ein modernes Handy wie etwa das P800 von Ericsson. Eine darauf installierte Software schickt die Daten kontinuierlich in kleinen Paketen an das Duisburger Unternehmen Gesundheitsscout24. Dort wachen 200 Mitarbeiter, unter ihnen mehr als 70 Fachärzte, über die Gesundheit der angeschlossenen Patienten. Bei abweichenden Messwerten wird sofort der Hausarzt oder die nächstgelegene Rettungsstelle alarmiert.

Always on.

Die Entwicklung derartiger telematischer Anwendungen hat in der Medizin enorm an Fahrt gewonnen. Sie könnte dem kommenden Breitbandnetz UMTS endlich sinnvolle Anwendungen bescheren. Während die ursprünglich verbreiteten Visionen von Filmen und Downloads auf Handys kaum jemand vom Hocker reißen, entstehen im Gesundheitswesen konkrete Anwendungen für die dritte Generation des Mobilfunks. Schon beginnen Mobilfunkanbieter von der Medizin als Killerapplikation zu schwärmen. Killer im Kittel sozusagen – denn die Voraussetzung für die kontinuierliche Übermittlung von Daten, wie im Falle des Herzpatienten, ist die UMTS-Technologie. Zwar könnten die Informationen auch problemlos über GPRS gesendet werden, doch nur UMTS-Handys sind „always on“. Und weil nicht mehr pro Minute, sondern nach der übertragenen Datenmenge abgerechnet wird, muss der Service in Zukunft nicht teuer kommen.

Noch verbessern.

Doch noch wird um ein EU-weit marktfähiges Produkt gerungen. Knapp fünf Millionen Euro Fördergeld vergibt die Europäische Union für das MobiHealth-Projekt, an dem 14 europäische Unternehmen und Universitäten beteiligt sind. Bis Ende 2003 soll ein verkaufsfähiges, universal einsetzbares Produkt entstehen. „Insgesamt wurden in den vergangenen vier Jahren 200 Millionen Euro im Bereich Gesundheitstelematik investiert“, sagt Jean-Claude Healy vom EU-Förderprogramm für Techniken der Informationsgesellschaft, der auch über MobiHealth entschieden hat. Der Geldsegen hat handfeste Gründe: So soll etwa MobiHealth die Behandlungskosten nach eigenen Aussagen um 20 Prozent senken. Das freut nicht nur Patienten und Krankenkassen, sondern auch die Mobilfunkbetreiber. „Bis dahin sind jedoch noch einige Kopfnüsse zu knacken“, sagt Rainer Herzog, der in München für die Ericsson GmbH die MobiHealth-Entwicklung koordiniert.

Datenaura.

So gibt es bisher noch keine verbindlichen Standards für die drahtlose Patientenüberwachung. Das vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen entwickelte Body Area Network etwa ist mit Mobi Health nicht kom- patibel. Die „Datenaura“ des Fraunhofer-Instituts verwendet kein Bluetooth, sondern funkt in einem anderen Frequenzbereich und mit einem eigenen Protokoll auf Basis des speziell für die Medizin entwickelten VITAL-Standards. Den Erlangern scheint MobiHealth sogar ein bisschen unheimlich zu sein. „So weit ich weiß, ist Bluetooth im Krankenhausbereich noch gar nicht zugelassen“, sagt René Dünkler vom Fraunhofer-Institut. „Es sendet in einem freien Frequenzband und kann dadurch Störungen durch andere Geräte ausgesetzt sein.“ Schließlich muss gewährleistet sein, dass die Funkdaten einem bestimmten Patienten zugeordnet sind und nicht von dessen schlafenden Nachbarn stammen.

Geld sparen.

MobiHealth ist daher wohl nur für die Überwachung daheim geeignet. Doch auch die wird immer wichtiger. Verzweifelt suchen die Krankenkassen nach Möglichkeiten, die Behandlungskosten ihrer Patienten zu reduzieren. Oft sind nach Operationen tagelange Krankenhausaufenthalte zur Beobachtung nötig, obwohl der Patient höchstens einmal pro Tag begutachtet wird. Durch mobile Überwachungsmethoden können Patienten viel früher entlassen werden und auch bei Risikopatienten kommt es seltener zu Zwischenfällen.

Lebensretter.

„Wir konnten bereits 17-mal Leben retten“, verkündet Benjamin Homberg von der Mannheimer Firma Vitaphone. Vor acht Monaten brachte sie das „Herzhandy“ auf dem Markt und konnte bisher 300 Patienten zur Dauerüberwachung gewinnen. Im kommenden Jahr soll der Service auch in Österreich an den Start gehen. Das Handy unterscheidet sich nur durch zwei Tasten von einem gewöhnlichen Mobiltelefon: Mit der einen wird automatisch ein Anruf beim Vitaphone Service Center eingeleitet. Die zweite Taste dient der Aufzeichnung und Speicherung des EKG. Mit dem eingebauten Global Positioning System (GPS) kann über Satellit der Standort des Patienten bis auf einige Meter genau bestimmt werden. „In der Datenbank des Vitaphone Service Centers sind die Standorte und Telefonnummern aller Rettungsstellen gespeichert“, sagt Benjamin Homberg. „Durch die GPS-Daten kann im Notfall immer die nächstgelegene und zuständige Rettungsleitstelle ohne Zeitverzug an den richtigen Ort geschickt werden.“

Dabei ist die Idee für das Herzhandy schon steinalt. Bereits 1906 übertrug Willem E. Einthoven, Erfinder des Elektrokardiogramms (EKG), die ersten Aufzeichnungen von Herzaktionen übers Telefon. Dazu wandelte er die Herzwerte in akustische Signale um, die beim Empfänger wieder in ein EKG umgewandelt wurden. Die Technik hat sich bewährt und wird weiterentwickelt – bis heute.

Autor: Markus Göbel

Original-URL des Artikels:
http://www.industriemagazin.at/technik/detailtechnik.asp?artikelid=22636

„SMS ist genauso gut“

Der A. -T.-Kearney-Mobilfunkexperte Axel Freyberg über die Marktchancen der Telemedizin und warum eine einfache SMS meist genauso gut wie UMTS ist.

Industriemagazin: Was halten Sie vom MobiHealth-Projekt, das Patienten praktisch ans Netz bringen soll?
Axel Freyberg: Grundsätzlich ist die Idee des Body-Area-Networks interessant. Die Frage ist nur, ob man all die Sensoren braucht. In der Regel hat ein Patient nur eine Krankheit, deshalb braucht man meist nur einen Sensor. Die Anbindung über Bluetooth ist zwar sehr sinnvoll, weil es keinen Kabelsalat gibt, aber die Nutzung von UMTS wird lange Zeit Zukunftsmusik bleiben. Noch fehlt die nötige Netzabdeckung und außerdem werden die großen Übertragungsraten von UMTS gar nicht benötigt. Höchstens bei einer Videokonferenz mit dem Arzt.

Und wie sind insgesamt die Marktchancen der Telemedizin per Mobilfunk?
Natürlich könnten Patienten damit kostengünstiger betreut werden, doch es kommen nur einige chronische Krankheiten zur Überwachung in Frage. Außerdem gibt es bereits bestehende Lösungen im Markt. Bei den meisten Patienten muss nur ein Wert pro Tag gemessen werden, dazu kann man genauso gut SMS einsetzen. Auch die Mobilfunkunternehmen werden sehr vorsichtig sein: Mobilfunk ist nicht ausfallsicher und das Risiko eines Todesfalles durch einen Netzzusammenbruch wollen die Unternehmen nicht eingehen.

Wieso brauchen wir solche Dienstleistungen?
Mobile Überwachungsdienste können Kosten sparen, weil sie teure Krankenhausaufenthalte vermeiden helfen. Wahrscheinlich werden die Patienten bald nicht mehr gefragt, sondern die Überwachung wird ihnen vorgeschrieben. Doch auch die Patienten haben Vorteile, weil sie persönliche Freiheit gewinnen.

Wie viel können die Krankenkassen dadurch einsparen?
Nach meinem Wissen gibt es noch keine konkreten Schätzungen. Doch die Kassen werden nur dafür bezahlen, wenn sie am Ende damit Geld sparen. Wir haben Vertreter von Pharmafirmen und Krankenkassen befragt und 30 Prozent sahen sehr gute bis gute Marktchancen. Allerdings waren sich 50 Prozent über die Bedeutung unklar, während die restlichen 20 Prozent den mobilen Gesundheitsdiensten sogar nur eine geringe Marktbedeutung einräumten. Der Markt ist zwar da, aber er ist nicht so groß, wie man denkt.

Wir danken für das Gespräch.

Autor: Markus Göbel

Original-URL des Artikels:
http://www.industriemagazin.at/technik/detailtechnik.asp?ArtikelID=22637

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