DIE ZEIT 14/2002: Zukunftsmarkt – Schnurlos auf Draht

Z U K U N F T S M A R K T

Schnurlos auf Draht

Ob im Stadtpark oder Hotel: Funkverbindungen schaffen im Umkreis von 100 Metern einen Zugang zum Internet

Von Markus Göbel und Arne Molfenter

Der Hot-Dog-Verkäufer am Stand nebenan schaut ungläubig zu. Obwohl die New Yorker angeblich nur selten zu erstaunen sind. Anthony Townsend sitzt auf einer Parkbank am Washington Square im Süden Manhattans und sieht auf seinem Laptop die Nachrichten des Fernsehsenders CNN. Er ballt seine Faust und ruft: "Cool!" Ihn begeistert nicht der Wetterbericht für die Ostküste, der leichte Niederschläge prognostiziert, sein Enthusiasmus hat einen anderen Grund: Die ruckelfreien Fernsehbilder kommen aus dem Internet auf den Computer des 27-Jährigen – und das ganz ohne Kabel und kostenlos.

Die Signale empfängt Townsend von einer kleinen schwarzen Box am Fensterbrett seines Büros in der New York University, die direkt am Washington Square liegt. Zusammen mit seinen Freunden hat der wissenschaftliche Mitarbeiter der Fakultät für Stadtplanung das Funknetz NYCwireless geschaffen, in das sich jedermann mit seinem Laptop einwählen kann. Dieses Wireless Local Area Network, kurz WLAN, gibt freie Internet-Kapazitäten an Nutzer mit den passenden Funkmodems kostenlos ab. Jeder kann mit einer Steckkarte für ungefähr 100 Dollar überall im Internet surfen, wo die schwarzen Boxen von NYCwireless ihren Sendebereich haben. Daneben gibt es in New York immer mehr kommerzielle Anbieter, die noch besseren Service bieten.

In ein paar Monaten soll die ganze Stadt mit den drahtlosen Internet-Zugängen abgedeckt sein. Immer öfter wird beim Kaffeetrinken nicht mehr die Zeitung gelesen, sondern der Laptop aufgeklappt. Die Wallstreet-Broker sind ständig drin, ob im Centralpark oder am John-F.-Kennedy-Flughafen. Das US-Marktforschungsinstitut Analysis prognostiziert für das Jahr 2007 rund 21 Millionen WLAN-Nutzer in den USA, die sich auf diese Weise ins Internet einklinken.

Die Technik ist simpel: Zentraler Bestandteil eines Funknetzwerks ist eine Reihe von Sendern. Sie werden in den Gebäuden oder im Freien installiert und sorgen für die Verbindung ins Netz. Die Reichweite eines solchen "Hotspots" liegt zwischen 30 und 100 Metern in Gebäuden. Im Freien erreicht sie mehrere hundert Meter. Die Übertragungsgeschwindigkeit beträgt bis zu 11 Megabit und ist damit effektiv 80-mal schneller als eine ISDN-Verbindung. Eigentlich wurde die Technik Anfang der neunziger Jahre erfunden, um Büros zu vernetzen, ohne das Kabel verlegt werden müssen. Doch mittlerweile hat sich daraus ein drahtloser Internet-Zugang entwickelt, der schneller ist als alles bisher Dagewesene.

Was in New York möglich ist, daran arbeitet man im thüringischen Jena schon lange. Bereits 1993 begann Lutz Donnerhacke, Sicherheitsexperte des Chaos Computer Clubs, gemeinsam mit Freunden den Aufbau eines Funknetzwerkes in seiner Heimatstadt. Weil ihnen die Leitungen der Telekom zu teuer waren, starteten die Jenaer damit, ihre Stadt mit Antennen und Funksendern zu erschließen. Heute hat Donnerhacke einige Schulen, Privatpersonen und Firmen in Jena an sein Netz angeschlossen. Seine Kollegen vom privaten Thüringen Netz e. V. in Erfurt haben ihn sogar beim Ausbau überholt: Zwar montierten sie bislang erst auf fünf Häusern ihre Antennen, doch damit können sie 20 Prozent der thüringischen Landeshauptstadt abdecken.

Anderswo in Deutschland hat die kommerzielle Nutzung der Funknetze bereits konkretere Formen angenommen: Nach Schätzungen der Unternehmensberatung Frost & Sullivan gibt es knapp 4700 kommerzielle WLAN-Zugänge in Deutschland. Denn seit einiger Zeit bieten vor allem Hotels WLAN-Zugänge an. Ob in München oder Berlin, die Kundschaft der großen Hotels war noch nie so schnell im Internet. Im größten Hotel Deutschlands, dem Estrel in Berlin, genügt ein Tastendruck, und das Bild erscheint. Für 7,50 Euro pro Stunde können Nutzer ein so genanntes Web Pad von der Größe eines Frühstücksbrettchens leihen. Das Gerät sieht aus wie ein Laptop ohne Tastatur – Mausklicks und Tastatureingaben erfolgen mit einem Stift direkt auf dem Bildschirm. Bei Kaffee und Klaviermusik können sich die Hotelgäste in die Lobby setzen, ihre E-Mails lesen, Börsenkurse prüfen oder über das Internet fernsehen. "Wir befinden uns bereits in der Phase der Marktaufteilung", sagt Max Grauert, der für die Firma Iobox bereits Dutzende Hotels in Deutschland mit kommerziellen Funknetzen überzogen hat.

In den kommenden vier Jahren sollen in Westeuropa nach Schätzungen von Analysis 90 000 Hotspots aufgebaut werden. Bis dahin werde die Zahl der Nutzer auf über 20 Millionen steigen und das WLAN-Geschäft drei Milliarden Euro Umsatz bringen. Bereits für dieses Jahr erwartet die Unternehmensberatung Frost & Sullivan 7,3 Millionen Euro Einnahmen durch öffentliche WLAN-Zugänge in Europa. Nicht nur in Hotels kann drahtlos gesurft werden, auch Bahnhöfe und Flughäfen werden vernetzt.

Längst Realität ist das mobile Internet auch an deutschen Universitäten. Gefördert wurde der Aufbau der universitären Funknetze vom Bundesforschungsministerium. Insgesamt 41 Hochschulen beteiligten sich an der im Sommer vergangenen Jahres beendeten Förderinitiative Wireless LAN – mit unterschiedlichem Erfolg. Oft scheiterte der Betrieb an baulichen Gegebenheiten oder Brandschutzvorschriften. Vorreiter im Bereich mobiles Internet sind die Universitäten in Karlsruhe, Bremen und Rostock. Hier ist auf dem gesamten Campus der drahtlose Zugang möglich. In Karlsruhe wenden Informatikstudenten ihre in der Vorlesung über parallele Programmierung erworbenen Kenntnisse gleich auf dem Laptop an. In Rostock recherchieren künftige Anwälte während der Vorlesung in juristischen Datenbanken – natürlich kostenlos.

Das Vordringen der Funknetzwerke bereitet den großen Telekom-Firmen einige Sorgen. Sie haben vor zwei Jahren für knapp 50 Millionen Euro Lizenzen für die neue Technik UMTS ersteigert, durch die der Mobilfunk der dritten Generation ermöglicht werden soll. Doch während die Funknetzwerke überall in Betrieb gehen, starten die großen Telekommunikationsfirmen mit UMTS frühestens 2003. Wettbewerbsvorteile haben die kabellosen Netze vor allem wegen der geringeren Kosten. Denn im Gegensatz zu den UMTS-Frequenzen ist der Betriebe der WLANs lizenzfrei. "Es kann nicht sein, dass WLAN kostenfrei ist und für UMTS Milliarden ausgegeben werden mussten", sagt Telekom-Sprecher Philipp Schindera von T-Mobile. Sein Chef, der Vorsitzende der T-Mobile-Geschäftsführung, René Obermann, war schnell alarmiert. Obermann wandte sich an den Präsidenten der Regulierungsbehörde und tat in einem Brief seine Besorgnis über eine Beeinträchtigung der künftigen UMTS-Erlöse kund. Die Regulierungsbehörde müsse darauf achten, "dass nicht ein sehr ungleiches Spielfeld entsteht", schrieb Obermann. Die Telekom rüstet sich für alle Fälle und macht sich Konkurrenz im eigenen Haus. Die Telekom-Töchter T-Systems und TCom kündigten an, noch vor dem UMTS-Start Wireless LANs in Flughäfen, Bahnhöfen und Hotels aufzubauen. Im exklusiven Frankfurter Flughafen-Club bietet der Fernmelderiese den Reisenden bereits seit einigen Wochen an, online fernzusehen und Video on demand per Funknetz zu nutzen.

Offiziell bleiben die UMTS-Lizenznehmer gelassen. "WLAN wird UMTS allenfalls ergänzen können", sagt Gerhard Lüdtke, Abteilungsleiter Radio Systems bei E-Plus. Die Funknetzwerke arbeiten nicht flächendeckend, außerdem funktioniert die Sprachübertragung noch nicht perfekt. Auch Analysten rechnen bisher nicht damit, dass die Funknetzwerke UMTS überflüssig machen. Schließlich haben die großen Telekom-Firmen so viel Geld in UMTS investiert, dass sie diesen Standard mit allen Mitteln einführen müssen. "UMTS bringt das Internet in das Handy und richtet sich mit seinen Angeboten an ganz andere Nutzergruppen", sagt Wolfgang Behnck, Telekommunikationsexperte der Unternehmensberatung Mummert und Partner.

Es könnte aber auch anders kommen: UMTS würde dann ein langsamer, teurer Lückenbüßer dort, wo kein Wireless LAN vorhanden ist. "Die Datenpakete bei UMTS sind 50- bis 100-mal teurer als bei WLAN", sagt Jan Michael Hess von der Berliner Mobilfunk-Unternehmensberatung Mobile Economy. Das Problem der geringen Flächendeckung wird jedenfalls durch Firmen wie Nokia oder die amerikanische Transat ausgeräumt: Sie planen, im großen Stil in das Geschäft einzusteigen. Auch die Abrechnung soll komfortabel gestaltet werden: Egal, bei welchem WLAN-Anbieter man surft, bezahlt wird künftig über die Mobilfunkrechnung. "Durch diese Bündelung der Netzwerke kann WLAN für den Nutzer so einfach werden wie heute der Mobilfunk", sagt Axel Freyberg, Mobilfunkexperte und Mitglied der erweiterten Geschäftsführung der Unternehmensberatung A. T. Kearney.

Das schwedische Unternehmen A Brand New World hat gerade einen Aufsatz für Handheld-Computer vorgestellt, der alle drahtlosen Internet-Standards versteht. Durch den Adapter kann mit dem Minicomputer auch telefoniert werden. Wo ein WLAN sendet, surft man dann fünfmal schneller als mit UMTS und ab Sommer sogar 27mal so schnell, weil gerade ein neuer WLAN-Standard beschlossen wurde. Das Gerät liegt bereits in den Läden. Von UMTS-Handys werden seit zwei Jahren bislang nur Designstudien aus Holz oder Acrylharz präsentiert.

© DIE ZEIT 14/2002, 27. März 2002

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