Wirtschaftswoche 12/2002: Spezial Mobiltelefone: Handy individuell

Wirtschaftswoche NR. 012 VOM 14.03.2002 SEITE 156

Spezial

Mobiltelefone: Handy individuell

Software zum Herunterladen macht es möglich, technisch stets auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Alexander Samwer strahlt. Freudig erregt drückt das ehemalige Wunderkind der New Economy die Knöpfchen seines fast 600 Euro teuren Handys. Auf dem Display des Siemens SL45i wedelt gerade ein klitzekleiner Skifahrer den Berg herunter. Doch nicht nur das Spiel macht ihm Spaß seine Firma verdient auch Geld damit. Zum Preis von 2,99 Euro verkauft Samwers Unternehmen Jamba Spiele, die der Kunde per Wap auf seinem Mobiltelefon installieren kann.

Zwar gehören Telefone mit Unterhaltungscharakter, die solche Miniprogramme starten können, noch zu den Raritäten unter Deutschlands Mobiltelefonen. Trotzdem macht Samwers Handyportal mit den entsprechenden Spielen zwei Monate nach Verkaufsbeginn angeblich schon einige tausend Euro Umsatz pro Woche. "Mehr als die Hälfte der Käufer sind Wiederholungskunden", sagt Samwer. "Wenn in den nächsten Monaten neue Endgeräte von Nokia und Siemens auf den Markt kommen, wird der Boom beginnen."

Tatsächlich hoffen Mobilfunkbetreiber wie Handyhersteller derzeit auf den Beginn einer kleinen Revolution. Denn die Jamba-Spiele sind in der vom High-End-Computerhersteller Sun konzipierten Programmiersprache Java geschrieben, die bisher vorwiegend auf herkömmlichen Schreibtischrechnern zum Einsatz kam. Der Vorteil der Software mit dem Symbol einer dampfenden Kaffeetasse: Programme lassen sich extrem klein und kompakt erstellen und sind überdies noch plattformübergreifend einsetzbar: Java-Software läuft auf Windows-Computern ebenso wie unter dem alternativen Betriebssystem Linux, den Apfelrechnern von Apple – oder eben Handys.

Und deren Markt soll Java nun ebenfalls erobern. Dadurch werden auf Mobiltelefonen Funktionen möglich, die man bisher nur auf dem PC kannte. Die Programme müssen nur einmal geschrieben werden. Trotzdem laufen sie auf so unterschiedlichen Geräten wie dem Siemens SL45i, dem Motorola Accompli 008 oder dem Nokia 9210 Communicator. Diese Telefone sehen sich zwar äußerlich kaum ähnlich und verwenden auch intern vollkommen verschiedene Betriebssysteme, aber sie verstehen alle Java. Sogar die d-box von Premiere funktioniert neuerdings damit.

Glaubt man den Verheißungen, entwickelt sich das mobile Java schon bald zum großen Renner: Das Marktforschungsunternehmen Datamonitor erwartet bereits in diesem Jahr einen europaweiten Umsatz mit Handyspielen von über 1,6 Milliarden Euro. Das Marktforschungshaus Gartner hält Java-Spiele für die wichtigste Telefonanwendung und geht davon aus, dass sie längerfristig den tragbaren Spielekonsolen wie Gameboy & Co. erhebliche Marktanteile wegnehmen können. Nokia will daher schon im kommenden Jahr 100 Millionen Java-Handys absetzen – und ist damit wieder einmal Vorreiter: Bis 2006 sollen alle Handys mit Internetzugang Java-tauglich sein, erwarten die Marktforscher der ARC Group. Das entspricht 1,1 Milliarden Geräten weltweit.

Carsten Brinkschulte sieht ebenfalls schon ein neues Mobilfunkzeitalter heraufziehen. "Durch Java werden die Handys individueller. Jeder installiert sich die Programme, die er braucht", sagt der Chef der Berliner Softwarefirma Weblicon, die auf der Cebit einen Java-Organizer fürs Handy präsentiert. Künftige Mobiltelefone müssten dann nur noch mit einer Grundausstattung ausgeliefert werden. Spiele, Grafiken und Programme holt sich jeder Nutzer selbst dazu. Weil mit Java geschriebene Programme nur 20 bis 100 Kilobyte groß sind, dauert der Download mit modernen Handys höchstens 90 Sekunden. Und im Gegensatz zu WAP- oder GPRS-Anwendungen lassen sie sich auch offline verwenden.

In den vergangenen Wochen sind auch Softwarefirmen und Mobilfunkbetreiber auf den Java-Zug aufgesprungen. T-Mobile und Debitel gaben am gleichen Tag bekannt, dass sie künftig Java-Spiele vertreiben wollen. Bis Ende März bietet die Telekom-Tochter in Deutschland zehn Spiele zum Download an, wofür lediglich die Übertragungsgebühren anfallen. Später sollen News- und Business-Anwendungen, darunter ein Börsenticker, dazukommen. Konkurrent D2 Vodafone hat bereits vor einem halben Jahr einen ähnlicen Service namens Load-A-Game gestartet.

Neben Spielen werden auf der Cebit allerdings auch die ersten mobilen Anwendungen im Businessbereich vorgestellt. Beispielsweise bietet CAS Software aus Karlsruhe ihre Kundenmanagementsoftware GenesisWorld auch in Java an. Das heißt natürlich nicht, dass das riesige Programm komplett auf dem Handy abläuft. Aber zumindest Funktionen, welche die Außendienstmitarbeiter im Kontakt mit ihren Kunden benötigen: So werden beispielsweise Termine der kommenden drei Wochen und die zugehörigen Kundeninformationen lokal im Java-Handy gespeichert und sind dann auch ohne Einwahl ins Internet verfügbar. Die Masse der Kundendaten bleibt dagegen auf dem Firmencomputer liegen. Dadurch müssen viel weniger Daten übertragen werden – nämlich nur noch Änderungen. "Die quälend lange Warterei, wie sie beim Aufbau von WAP-Seiten an der Tagesordnung ist, hat ein Ende", sagt CAS-Vorstand Ludwig Neer.

Mit einem ähnlichen Kniff schafft es auch die Essener Softwarefirma Getsnax, die Börsendaten von Onvista in akzeptabler Geschwindigkeit zum Laufen zu bringen. Wenn das Java-Programm auf dem Handy installiert ist, kann der Nutzer die Entwicklung seiner Lieblingsaktien fast wie am PC beobachten. Auch die Charts kommen richtig schnell auf Display. Denn statt der ganzen Grafik werden nur ein paar Zahlen vom Onvista-Server übertragen. Die zackige Kurvengrafik dagegen berechnet das Handy selbst. Durch die Always-on-Funktion des Mobilfunkdatendienstes GPRS lässt sich auf dem Mobilfon sogar ein ständig aktueller Liveticker darstellen, weil dafür nur kleine Datenpakete übertragen werden müssen und nicht im Zeittakt abgerechnet wird.

Doch damit nicht genug. "Java und GPRS machen die Nutzer unabhängiger von ihren Mobilfunkanbietern", sagt Axel Freyberg, Telekommunikationsexperte der Unternehmensberatung A. T. Kearney. So hat das Softwarehaus Brodos aus Baiersdorf eine Java-Anwendung programmiert, mit der Kunden ihre SMS-Kurzmitteilungen nicht über ihren Netzbetreiber verschicken müssen, sondern sie über den SMS-Computer von Brodos senden können. Nach Anmeldung auf der Brodos-Web-Site und Installation des Programms beträgt die Ersparnis bis zu 45 Prozent gegenüber den Preisen der Netzbetreiber.

Auf lange Sicht soll das Handy dank Java gewissermaßen zu einem mitwachsenden Gerät werden. Daran arbeitet in den USA zur Zeit Vanu Bose, Sohn des legendären Amar Bose, bekannt für seine innovativen Lautsprechersysteme: Unter Beteiligung von Boeing bastelt sein Unternehmen Vanu Inc. an einer Software, die alle erdenklichen Funkstandards verarbeiten kann. Bei Anwendung dieser Technik im Handy könnte das Telefon durch Download des entsprechenden Programms auch als UKW-Radio und Babyphone dienen, oder aus einem Dualband-Handy wird ein Dreiband-Handy für den Urlaub in den USA. Ist Bose erfolgreich, muss künftig niemand mehr jedes Jahr ein neues Mobiltelefon kaufen, um auf dem neuesten Stand zu sein.

Die Handyhersteller hätten sich dann mit dem Einbau der Java-Unterstützung in ihre Geräte freilich einen Bärendienst erwiesen: Auch den Umstieg von GPRS auf UMTS – von der Branche sehnlichst erwartet, weil die Konsumenten dafür neue Handys benötigen – könnte man – so jedenfalls die Theorie – einfach gegen Bezahlung aus dem Internet herunterladen.

Autor: Göbel, Markus

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