DIE ZEIT 08/2002: Zukunftsmarkt – Arbeiten für die Riesen

Z U K U N F T S M A R K T

Arbeiten für die Riesen

Auf Abruf montieren No-Name-Unternehmen Handys und Kameras für Nokia, Sony und Co.

Von Markus Göbel und Arne Molfenter

Die Zukunft von Microsoft rollt von einem Fließband in Mexiko. In drei Schichten arbeiten 3000 Menschen in der neuen Montagehalle. Konzentration ist nötig, nur das Sirren der Akkuschrauber und Piepen der Testautomaten durchbricht die Stille. Bis zu 20 000 schwarze Plastikboxen schaffen die Gabelstapler täglich aus der Halle. Die Xbox, Microsofts neue Spielekonsole, soll in den nächsten 18 Monaten mit aller brachialen Marketinggewalt, die durch eine halbe Milliarde Dollar zu erreichen ist, Einzug in die Kinderzimmer auf der ganzen Welt halten.

Seit dem Verkaufsstart Mitte November wurden in den USA bereits 1,5 Millionen Geräte abgesetzt. In Europa kommt Bill Gates‘ neues Spielzeug am 14. März auf den Markt. Ob ihn die Spielekonsole von Microsoft wirklich erobern und Sony mit seiner Playstation 2 gefährlich werden kann, wird mit Interesse erwartet. Noch mehr Beachtung findet bei der Konkurrenz allerdings, dass Microsoft gar keine Fabrik besitzt, um die Geräte zu produzieren.

Der Angriff wurde nordwestlich von Guadalajara gestartet, im Parque Integral de Tecnología. Vom Flughafen fährt der Besucher an einem großen Blechschild vorbei: "Willkommen im Silicon Valley von Mexiko". Dann geht es noch einige Kilometer über eine staubige Straße mit unzähligen Schlaglöchern, an Ständen von Straßenverkäufern entlang, die in der trockenen Hitze Enchiladas und Tacos verkaufen. Alles wird anders, wenn das Firmengelände von Flextronics in Sichtweite kommt. Hinter dem Eingangstor sind die bewässerten Rasenflächen kurz gemäht, frisch geteerte Straßen führen zu leuchtend weißen Montagehallen und einer riesigen Cafeteria mit Barbecue-Bereich und Sushi-Bar. Dreimal am Tag fahren von Flextronics gemietete Busse vor und bringen die Angestellten zur Arbeit, die zwischen drei und vier Dollar in der Stunde verdienen.

Microsoft ist nur einer der vielen Kunden von Flextronics. 80 Fabriken in 28 Ländern besitzt der Auftragshersteller weltweit. Flextronics stellt Handys für alle großen Mobiltelefonfirmen her, Internet-Router für Cisco, Drucker für Hewlett-Packard und kleine Handcomputer für Palm. Seit ein paar Wochen ist die Firma weltweiter Marktführer der Electronic Manufacturing Services (EMS).

So werden die Auftragsproduzenten für Elektronik- und Telekom-Konzerne genannt. Ob Nokia, Ericsson, Siemens, IBM oder Microsoft – alle lassen bei den Auftragsfirmen produzieren. Inzwischen sind die selbst zu Giganten geworden. Flextronics erwartet für das kommende Geschäftsjahr 14,4 Milliarden Dollar Umsatz. Der Vertrag mit Microsoft soll zwei Milliarden Dollar hinzugebracht haben und machte Flextronics in der dritten Januarwoche zum neuen Marktführer.

Mitbewerber Celestica setzt voraussichtlich 11,6 Milliarden um und der bisherige Marktführer Solectron 12,6 Milliarden. Egal, welcher Markenname auf dem Gerät klebt, das Innenleben stammt fast immer von einer der fünf größten EMS-Firmen. Sie sind die Söldner im Kampf um Marktanteile im Elektronikgeschäft. Im Jahr 2000 betrug ihr Umsatz 130 Milliarden Dollar. Da immer weniger Firmen selbst herstellen, was sie verkaufen, soll sich bis zum Jahr 2004 diese Zahl auf weltweit 260 Milliarden Dollar verdoppeln.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass ein Telefon so viel mit einem Fotoapparat gemeinsam hatte wie mit einem Rasenmäher. Inzwischen besteht ihr Innenleben nur aus verschieden angeordneten Chips. "Digitalkamera oder MP3-Player – im Endeffekt ist das doch das Gleiche", sagt Flextronics-Produktionsmanager Klaus Maier. Die Markenhersteller konzentrieren sich auf die Produktentwicklung und lassen Firmen wie Flextronics für sich produzieren. In der Elektronikbranche wird scharf kalkuliert, die Gewinnmarge beträgt nur drei bis fünf Prozent. Sind die Konzerne in Schwierigkeiten, ist die Auslagerung, auch Outsourcing genannt, eine der einfachsten Methoden, um rasch die Kosten zu senken.

Die großen Konzerne verlagern einen Teil ihres Risikos auf die Auftragshersteller. Diese können ihre Werke besser auslasten, weil sie für mehrere Firmen gleichzeitig arbeiten. "Wenn es einem unserer Kunden schlecht geht, dann geht es einem anderen meist umso besser", sagt Flextronics-Europachef Humphrey Porter.

Wegen der Xbox fiel der Sommerurlaub aus

Die Entwicklung der vergangenen Monate sprach jedoch eine andere Sprache, denn gegen Nachfrageschwankungen sind die EMS-Firmen nicht völlig gefeit. "Es gab Einbrüche von bis zu 50 Prozent. Ohne die Telekom- und Elektronikindustrie ist das Geschäftsfeld der Auftragshersteller sehr begrenzt", sagt Louis Misciosa, Analyst bei der New Yorker Investmentbank Lehmann Brothers. Ende vergangenen Jahres kündigte Flextronics an, 10 000 Mitarbeiter zu entlassen. Konkurrent Solectron musste 8200 Entlassungen bekannt geben, und der Aktienkurs kennt seit über einem Jahr nur eine Richtung: nach unten. Neue Hoffnung wird vor allem auf den japanischen Markt gesetzt. Dort sind erst 2 Prozent der Produktion an EMS-Firmen ausgelagert. Auch in Europa gibt es noch weitere Marktanteile zu gewinnen, hier beträgt der Anteil immerhin bereits 20 Prozent, während es in den USA schon 50 bis 70 Prozent sind.

Bisher gaben die meisten Unternehmen ihre Produktion nur teilweise nach außen. Doch vor zwei Jahren konnte Flextronics-Vorstand Michael Marks an seinem 50. Geburtstag einen Durchbruch erzielen: Die Führungscrew des schwedischen Mobilfunkkonzerns Ericsson lud Marks zu einem Geburtstagsessen nach Stockholm ein. Er bedankte sich artig, lobte die Partnerschaft und fügte dann grinsend hinzu: "Ihr solltet uns die Produktion eurer Handys komplett überlassen." Nach zehn Tagen Bedenkzeit ging Ericsson auf das Angebot ein, und Flextronics stellt seitdem für die Schweden alle Handys in Malaysia und China her.

In den deutschen Markt hat sich Flextronics vor zwei Jahren eingekauft. An die Vorbesitzer der Fabrik in Paderborn erinnert nur noch die Adresse. Das Werk residiert am Heinz-Nixdorf-Ring 1. Bis 1999 gehörte das Gelände dem PC-Hersteller Fujitsu-Siemens, war nur gering ausgelastet und nicht besonders profitabel. Nach der Übernahme durch Flextronics wurde alles anders, die Menge macht’s. Statt für eine Firma wird jetzt für viele Hersteller produziert, zum Beispiel für Blaupunkt, Grundig und Siemens. "Wir kommen auf viel höhere Stückzahlen", sagt Flextronics-Deutschland-Chef Uwe Schmidt-Streier. Seit der Übernahme Anfang 2000 ist die Auslastung um 50 Prozent höher, und es werden durchgängig Gewinne erzielt.

Ein Wettbewerbsvorteil ist das eigene Computernetz, mit dem alle Werke über vier Kontinente verbunden sind. Ein Einkäufer in Ungarn kann damit feststellen, wie viel sein Kollege in Mexiko gerade für Speicherchips bezahlt hat, und so in seinem Land den Lieferpreis drücken. Oder er lässt sich die Teile direkt von einer anderen Flextronics-Niederlassung liefern.

Besonders eng ist der Austausch zwischen den absolut identisch aufgebauten Xbox-Werken im mexikanischen Guadalajara und im ungarischen Sarvar, wo die Microsoft-Spielekonsole für den europäischen Markt gebaut wird. In Guadalajara lastet der Druck von Microsoft auf dem Österreicher Klaus Meier. Wochen mit bis zu 100 Arbeitsstunden waren in den vergangenen Monaten für den Produktionschef der Xbox normal, den Sommerurlaub muss er dieses Jahr ausfallen lassen. Vom Erfolg der neuen Konsole ist er zwar überzeugt, aber Flexibilität ist alles: "Wenn es hart auf hart kommt, produzieren wir eben ab nächster Woche Handys hier", sagt Meier.

Auch in Ungarn wird nicht allein auf den Erfolg der Xbox gesetzt. In der Halle nebenan läuft die Produktion im Wechsel der Jahreszeiten. Im Sommerhalbjahr bauen die angelernten Arbeitskräfte Einwegkameras für Kodak und ab Herbst im Auftrag von Philips und Panasonic Videorecorderteile für das Weihnachtsgeschäft. "Auf Microsoft sind wir nicht angewiesen", sagt Europa-Chef Humphrey Porter.

© DIE ZEIT 08/2002, 14. Februar 2002

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