DIE ZEIT 07/2002: Hast du noch Töne!

H A N D Y S

Hast du noch Töne!

Klingeltonkomponisten, SMS-Makler und Logodesigner – die Mobilfunkbranche schafft neue Berufe

Von Arne Molfenter und Markus Göbel

Afroman treibt ihn zum Wahnsinn. Mit seinem wuchtigen Kopfhörer sitzt Raik Mönnich an der Ecke des gemeinschaftlichen Tapeziertisches in dem Großbüro im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Er sieht blass aus, über 30-mal hat er schon den Refrain von Because I got high, dem Nummer-eins-Hit des bekennenden Kiffers Afroman gehört und dazu auf seiner kleinen Heimorgel mitgespielt. Dann endlich hat der Klingeltonkomponist es geschafft. Das rhythmische Piepen erinnert entfernt an das Original. Die Noten muss der gelernte Kindergärtner und Kneipenmusiker immer eng aneinander setzen, denn bei den Klingeltönen steht ihm nur eine einzige Tonspur zur Verfügung, auf der er gleichzeitig Rhythmus und Melodie spielen muss. "Ein normaler Musiker könnte das gar nicht", sagt Mönnich. Inzwischen haben Tausende von Kindern und Jugendlichen den Hit als Klingelton auf ihr Handy heruntergeladen.

20 Melodien pro Woche

In manchen Wochen sind es Zehntausende, die bei dem Berliner Handyportal Jamba unter 6000 Klingeltönen und Logos auswählen. 20 Melodien programmiert der Klingeltonkomponist pro Woche. Innerhalb eines Jahres hat Jamba 1,4 Millionen Kunden gewonnen. 1,24 Euro pro Minute kostet ein Bestellanruf bei der 0190er Nummer. Da kann ein Logo bis zu 8 Euro teuer werden, wenn man zu lange in der Leitung hängt.

Anderswo herrscht eher Flaute: Knapp 70 Prozent aller Deutschen besitzen ein Handy, und die Verkaufszahlen beginnen zu stagnieren. Die Stimmung ist entsprechend schlecht: Ende des vergangenen Jahres mussten Siemens und Philips jeweils 10000 Stellen im Mobilfunkbereich streichen. Die US-Gesellschaft Motorola entließ 30000 Mitarbeiter, Hersteller wie Bosch oder Alcatel haben ihre Handyproduktion bereits abgegeben oder eingestellt.

Aber es entstehen auch neue Berufsbilder. Designer entwickeln ständig neue Handys, junge Firmen entwerfen Logos für die Displays, und bereits jetzt werden über 30 verschiedene Spiele für Mobiltelefone angeboten. Auch die Erfinder der Moorhuhnjagd wollen in Kürze ihr Spiel über das Handy vermarkten. Die Branche hofft auf Dienste und Zusatzfunktionen, die rund um das Handy aufgebaut werden. Bis 2005 soll der Markt für mobile Unterhaltung in Westeuropa auf rund 2,5 Milliarden Euro wachsen. Sollte sich die UMTS-Technik mit den multimediafähigen Geräten durchsetzen, könnte die Branche wieder einen Aufschwung erleben.

Die größten Gewinne sind mit den Kurzmitteilungen (SMS) zu erzielen. Die Deutschen befinden sich am Rande der Sucht. Vergangenes Jahr verschickten sie rund 20 Milliarden Kurzmitteilungen. Als T-Mobile jüngst Preiserhöhungen für SMS ankündigte, ging ein Proteststurm durchs Land, der die Mobilfunktochter der Deutschen Telekom erst einmal zum Rückzug zwang. Pisa-Studie hin oder her – besonders Schüler entwickeln bemerkenswerte Schreibfähigkeiten. Viele schaffen es, ohne auf das Handy zu sehen, unter der Schulbank die Mitteilungen mit 160 Zeichen einzutippen.

Einer, der dafür sorgt, dass der Strom der mehr oder weniger bedeutungsvollen Nachrichten niemals versiegt, ist Frank Stöcker. Der 26-Jährige arbeitet für die Firma Brodos als SMS-Broker und ist ein Großhändler in der mobilen Kommunikationswelt. Jeden Monat kauft er 35 Millionen Kurzmitteilungen von deutschen und anderen europäischen Mobilfunknetzbetreibern ein und schiebt sie sofort weiter. In seinem Büro herrscht Hektik: Auf dem Bildschirm hat er an diesem Morgen drei verschiedene Angebote über Pakete von jeweils einer Million SMS. Die Preise können rasch steigen, und er muss sich schnell entscheiden. Wer am billigsten liefern kann, erhält den Zuschlag. D2 Vodafone aus Düsseldorf kann vier Wochen lang SMS für knapp fünf Cent liefern, und Stöcker greift zu. Sofort verkauft er die SMS-Pakete an das Portal Lycos für seinen werbefinanzierten SMS-Dienst weiter.

Wo ist die billigste Tankstelle?

Den Mobilfunkboom hat Frank Stöcker von Anfang an miterlebt. Bereits als Jugendlicher verkaufte er auf dem Schulhof Handyverträge und stieg 1995 direkt nach dem Abitur bei Brodos ein. Heute macht die Firma 100 Millionen Euro Umsatz pro Jahr und beschäftigt 140 Angestellte. Die Ansprüche an die Bewerber steigen: "Heute nehmen wir nur noch wenige Quereinsteiger, in der Regel verlangen wir ein abgeschlossenes BWL- oder Informatikstudium", sagt Stöcker.

Als eines der wenigen jungen Mobilfunkunternehmen bildet Brodos auch Lehrlinge aus. Johannes Wierny ist im zweiten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung und programmiert im Moment eine Eingabemaske für einen SMS-Dienst in der neuen Programmiersprache PHP4. Alles, was er für seinen Job benötigt, hat er in der Firma gelernt. Entsprechend nüchtern sieht er den Unterricht an der staatlichen Berufsschule im fränkischen Erlangen, wo er gemeinsam mit zukünftigen Metzgern, Bäckern und Friseurinnen ausgebildet wird. "Unsere Lehrer an der Berufsschule sind zwar sehr jung, aber die Lehrpläne halten mit der technischen Entwicklung der Branche schon lange nicht mehr Schritt", sagt der 20-Jährige.

Seit Jahren wird über die mangelhafte Ausbildung in Deutschland lamentiert, jetzt will die Industrie selbst für Abhilfe sorgen. Das Mobilfunkunternehmen Ericsson richtete im Wintersemester 2001 an der Universität Erlangen-Nürnberg einen Stiftungslehrstuhl für Mobilkommunikation ein. Auch an der RWTH Aachen engagiert sich die schwedische Firma. Für jährlich 250000 Euro wurde eine Professur für Mobilfunknetze gestiftet.

Ständig werden neue Handymodelle auf den Markt geworfen und stellen die Softwareentwickler vor neue Herausforderungen. Die wichtigsten Modelle hat Hans-Christian Fricke immer auf seinem Schreibtisch liegen – Testgeräte, mit denen er seine Arbeit überprüfen kann. Der Diplomingenieur arbeitet für eine Softwaretochter von Siemens an einem Programm, mit dem Kunden künftig Hotels, Flüge oder Mietautos per Handy buchen sollen. Weil fast jedes Gerät die mobilen Internet-Seiten von Fricke verschieden darstellt, muss er für jeden Mobiltelefontyp einen anderen Programmcode schreiben. An der Fachhochschule Wolfenbüttel studierte er von 1993 bis 1999 technische Informatik. Dort lernte er zwar die Grundlagen für seine jetzige Arbeit, aber das mobile Internet war damals noch eine Fiktion. Für seine Fortbildung muss er selbst sorgen und schaut regelmäßig auf den Web-Seiten der führenden Hersteller nach neuen Tipps für Entwickler.

Das mobile Internet schafft nicht nur neue Berufsbilder, sondern auch neue Nebenjobs: An der freien Tankstelle in Ahlfeldt bei Nürnberg spielt sich seit fast zwei Jahren täglich die gleiche Szene ab. Jeden Morgen hält ein schwarzer Opel Corsa vor der Preistafel. Am Steuer sitzt der Benzinpreispilot Roland Graf, der auf dem Weg zur Arbeit hier regelmäßig anhält. Pünktlich meldet er per SMS die Preise von Super, Diesel und Normalbenzin an das Portal clever-tanken.de. Das Start-up sammelt die Informationen von über 40000 Benzinpreispiloten, und Handynutzer können per SMS die billigsten Tankstellen abfragen. Reich ist Roland Graf noch nicht geworden. Der Lohn für zwei Jahre ausdauernde Beobachtertätigkeit an der Preisfront: knapp 70 Euro.

© DIE ZEIT 07/2002, 07. Februar 2002

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