Giesecke & Devrient Report 01/2002: Schlankheitskur für dicke Geldbörsen

Giesecke & Devrient Report 01/2002, S. 18/19

Schlankheitskur für dicke Geldbörsen

Moderne Chipkarten bringen so viele Funktionen unter, dass in Zukunft dafür eine Karte ausreicht – Experten halten allerdings drei für sinnvoll.

Oracle-Chef Larry Ellison trägt nie ein dickes Portemonnaie bei sich und auch keinen Minicomputer. "So etwas beult mir nur die maßgeschneiderten italienischen Anzüge aus", sagte das Enfant terrible der Softwarewelt auf der Messe "Oracle Open World" in Berlin. Ellison hat es einfach, weil er fast immer mit Assistenten unterwegs ist. Doch bei den meisten Menschen steht ein dickes Portemonnaie heute nicht mehr für Reichtum wie bei dem Multimilliardär, sondern für eine Menge Plastikkarten. Fast 30 davon besitzt beispielsweise Ralf Günther, Vorstand der börsennotierten Berliner Risikokapitalgesellschaft BMP. Drei Kreditkarten, Bahncard, Bonuskarten von Sixt und von vier Fluglinien, Krankenkassenkarte und noch mehr bringen seine Geldbörse beinahe zum Platzen.

Dabei könnte eine einzige Karte genügen: Technisch ist es kein Problem, alles auf einer Chipkarte zu vereinen. Beispielsweise ist die GeldKarte, von der seit 1997 über 50 Millionen in Umlauf gebracht wurden, mit acht Bit Rechenleistung genauso leistungsstark wie der legendäre 15 Jahre alte Heimcomputer Commodore C64. Auf der Karte lassen sich nicht nur Geldbeträge abspeichern, sondern auch Bonuspunkte und Fahrkarten. Die Stadtwerke München haben 80 000 Geldkarten namens M-Card ausgegeben, die bei der Stadtsparkasse München bis maximal 200 Euro aufgeladen werden können. Wer seinen Hallenbadbesuch oder im Handel mit der M-Card bezahlt, bekommt automatisch Punkte gutgeschrieben, die seine nächsten Einkäufe billiger machen.

Noch mehr Funktionen mit Seccos

Doch während die M-Card nur in München funktioniert, wird es auf der CeBIT richtig spannend, wenn die neuen Geldkarten kommen, die mit dem Betriebssystem Seccos funktionieren. Sie sind im Rahmen der Chipmigration, die durch die großen Kreditkartenunternehmen Europay, Mastercard und Visa (EMV) vorangetrieben wird, auch international einsetzbar. Zusätzlich sind die neuen Karten offen für zukünftige Banking-Standards, und man kann jetzt schon eine elektronische Signatur abspeichern, mit der seit Mai 2001 in Deutschland rechtsverbindlich unterschrieben werden darf.

Doch es gilt als unwahrscheinlich, dass in Zukunft nur noch eine Chipkarte im Portemonnaie stecken wird. "Realistisch betrachtet, muss es mindestens drei Karten geben: zunächst den Ausweis, der eine Bürgerkarte sein könnte. Außerdem werden die Banken auf einer eigenen Karte bestehen, weil sie ein Werbeträger ist. Und dann wird es die Gesundheitskarte geben", sagt Willi Berchtold, Geschäftsführer von Giesecke & Devrient.

Ausweisdokument mit Signaturfunktion

Die Behörden auf Macao stellen zurzeit die Ausweisdokumente der Bürger um. Statt der bisher üblichen Papiere geben sie Chipkarten aus, auf denen die Daten von Fingerabdrücken gespeichert sind. Doch moderne Smartcards können weit mehr als nur diese Daten speichern. Entsprechend programmiert, sind sie zum Beispiel in der Lage, auch einen Teil der erforderlichen Funktionalitäten für die digitale Signatur zu übernehmen. Aus der Kombination von offiziellem Ausweis und Signaturfunktion ergibt sich eine praktische Bürgerkarte, mit der nicht nur Behördengänge elektronisch erledigt, sondern auch rechtsverbindliche Geschäfte abgeschlossen werden könnten.

Als einer der ersten Kunden in Deutschland setzt die HypoVereinsbank (HVB) multifunktionale Karten in einem Feld- versuch ein. Damit kann jeder Kunde im Internet oder an Automaten Standarddienstleistungen der Bank wie Adressänderungen oder die Bestellung von Reiseschecks bequem und schnell erledigen. Er "unterschreibt", indem er die Karte ins Lesegerät einführt und seine Geheimzahl eingibt. Die persönlichen Daten, das so genannte digitale Zertifikat, sind im Geldchip der Karte integriert.

Millionen sparen durch eGovernment

Mit einer digitalen Signatur auf einer Chipkarte können nicht nur Bankgeschäfte autorisiert werden, sie kann auch für virtuelle Behördengänge eingesetzt werden. Der Bund will in den nächsten vier Jahren insgesamt 376 Dienstleistungen über das Internet anbieten. Bundesinnenminister Otto Schily geht davon aus, dass sich dadurch Einsparungen von gut 400 Millionen Euro pro Jahr erzielen lassen. Einige Banken planen bereits, diese Funktionalität auf eine Bankkarte zu übertragen. "Eine EC- oder Bankkarte hat heute quasi jeder, da liegt das auf der Hand", sagt Melanie Krahl von der TC Center- Trust AG, die zusammen mit der HVB das System entwickelt hat.

Interessant sind Kombikarten auch für das Gesundheitswesen. Allein im Rechnungswesen der deutschen Sozialversicherungen sollen sich eine halbe Milliarde Euro und damit zehn Prozent der Verwaltungskosten sparen lassen, wenn die Mitarbeiter mit der digitalen Signatur arbeiten. Doch bisher wird die neue Technik erst einmal im Ausland erprobt. G&D versorgt in den nächsten zwei Jahren 24 Millionen Taiwanesen mit einer intelligenten Krankenversicherungskarte, die mit einem Mikroprozessor ausgestattet ist, und startet damit das weltweit größte auf Java-Technologie basierende Kartenprojekt im Gesundheitswesen. Damit die Patientendaten nicht einfach von jedermann gelesen werden können, produziert Giesecke & Devrient außerdem 345 000 Professional Cards mit Signaturfunktionen für Ärzte, Apotheken und Krankenhäuser. Die Daten der Patientenkarte können nur ausgelesen werden, wenn Arzt und Patient ihre Karten gleichzeitig in ein Lesegerät stecken und mit ihrer PINNummer autorisieren.

Alleskönner-Karte im Handy

Auf absehbare Zeit kann es sogar passieren, dass die Plastikkarten vielleicht ganz aus unserem Blickfeld verschwinden und ins Mobiltelefon wandern. Während es heute bereits Handys mit eingebautem Kreditkartenleser oder mit einem zweiten Steckplatz für einen Kreditkartenchip gibt, können durch die Einführung des UMTS-Standards all diese Funktionen auf einer Handykarte vereint werden. Auf diesen neuen UniverSIM-Karten von Giesecke & Devrient lassen sich nebeneinander Anwendungen für UMTS, GSM, Mobile Banking, Zahlungen mit Kredit- oder GeldKarte sowie verschiedene digitale Signaturen unterbringen und sogar gleichzeitig ausführen. Das bietet Raum für Visionen: In Zukunft kann ein Kunde in der Supermarktschlange eine UMTS-Videokonferenz verfolgen, während sein Telefon über die Bluetooth-Schnittstelle drahtlos mit der Registrierkarte die Bezahlung abwickelt. Eine solche Entwicklung würde es Oracle-Chef und Vieltelefonierer Larry Ellison ermöglichen, auf sein dickes Portemonnaie zu verzichten und trotzdem seine Rechnungen selbst zu bezahlen.

Alles auf eine Karte?

Dieter Bulle ist Divisionsleiter Zahlungsverkehrskarten bei G&D.

Report: Wie viele Daten passen auf eine moderne Kombikarte?
Bulle: State of the Art ist zurzeit 32 kByte, aber auch 64 und 128 kByte sind technisch möglich.

Report: Wie viele Funktionen kann man auf einer Karte vereinen?
Bulle: Mit genügend Speicherplatz können Sie alles auf einer einzigen Karte unterbringen. Ich würde aber mehrere Karten vorziehen – zum Beispiel Ausweis und Signatur auf einer Karte, Gesundheit auf einer anderen und Geld auf der dritten.

Report: Und warum nicht alles auf eine?
Bulle: Um Missbrauch keinen Vorschub zu leisten, wenn ich alles auf eine Karte setze.

"Der Multifunktionskarte gehört die Zukunft."
Willi Berchtold, Geschäftsführer von G&D

Advertisements
Veröffentlicht in Artikel, Deutsch
Archive
%d Bloggern gefällt das: