DIE ZEIT 50/2001: Examensarbeit in fünf Minuten

B E T R U G

Examensarbeit in fünf Minuten

Das Kopieren wissenschaftlicher Arbeiten aus dem Internet wird zum Sport

Arne Molfenter & Markus Göbel

Die Formulierungen waren identisch. Wort für Wort. Absatz für Absatz. Das waren keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Petra Taubert da vor sich liegen hatte. "Vorsicht: schon wieder dieselbe Hausarbeit", warnte die Dozentin daraufhin in einer E-Mail alle wissenschaftlichen Mitarbeiter des Münchner Instituts für Kommunikationswissenschaften. Die Hausarbeit war im Wintersemester 1998/99 am Institut erstellt und mit der Note 1,3 bewertet worden. Jetzt war der Zweistufenfluss der Kommunikation und das Meinungsführerkonzept bereits zum dritten Mal als Kopie eingereicht worden – auf dem Weg zum Bestseller.

Suchdienste enttarnen Diebe

Nie war geistiger Diebstahl für deutsche Studenten einfacher als im Internet-Zeitalter. Ob Spracherwerb bei Schimpansen, Die Analyse der Duschszene aus Alfred Hitchcocks Film "Psycho" oder Die Geschichte der Schokolade – bei hausarbeiten.de stehen über 17 000 Texte aus 190 Fachbereichen zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung. Andere Anbieter, wie Diplomica aus Hamburg, verkaufen über das Internet jeden Monat bis zu 500 Diplom- und Doktorarbeiten zum Preis von 396 Mark; Studenten zahlen die Hälfte.

Gesteigerte kriminelle Energie, weniger Ehrgefühl, mehr Ellenbogen oder logische Konsequenz der Internet-Revolution? Für Deutschland gibt es keine gesicherten Zahlen, wie viele Studenten mit dem Internet betrügen – anders sieht es in den USA aus: Die University of California in Berkeley meldete bereits 1997 eine Steigerung der Täuschungsversuche um 744 Prozent in nur drei Jahren. Aufsehen erregte der Fall von zwei Theologiestudenten in Berkeley, die eine Hausarbeit aus dem Internet abgegeben hatten. Ihr Fehler: mangelnde Abstimmung – erst ihr Professor machte sie darauf aufmerksam, dass beide dieselbe Arbeit kopiert hatten.

Jetzt bekommen die akademischen Bluthunde bei der Fahndung nach digitalen Plagiaten Unterstützung aus dem Internet: Bereits 800 amerikanische Highschools und Universitäten nutzen den Suchdienst turnitin.com, der jede hochgeladene Arbeit mit 800 Millionen Internet-Dokumenten vergleicht und in wenigen Sekunden erkennt, welcher Absatz abgeschrieben ist. Auch in Australien, China und Deutschland hat der Service regelmäßige Nutzer. Turnitin.com oder Konkurrenzsysteme wie Integriguard und die Essay Verification Engine weisen den Betrug auch dann nach, wenn bis zu 50 Prozent des Originals verändert wurden.

Gunther Eysenbach, Cybermediziner am Institut für klinische Sozialmedizin an der Universität Heidelberg und Herausgeber des Journal of Medical Internet Research, überprüft regelmäßig Beiträge für sein Magazin mit turnitin.com. Und genauso regelmäßig stellt er fest: "Weil viele deutsche Ärzte und Doktoranden mit der obligatorischen englischen Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse Probleme haben, werden hemmungslos ganze Absätze aus amerikanischen Texten kopiert."

Kaum einer wird bestraft

Manchmal wird auch fleißig übersetzt: Tagelang überlegte Manuel R. Theisen, Vorsitzender des Prüfungsamtes für Betriebswirtschaft an der Universität München, warum ihm eine vorgelegte Doktorarbeit so bekannt vorkam. Inzwischen hat er Beweise, dass der Doktorand eine Arbeit des Massachusetts Institute of Technology (MIT) ins Deutsche übertragen hat. Auch Theisen hat turnitin.com getestet und macht sich keine Illusionen über die Moral der Studenten: "Der Einsatz digitaler Kontrollen und ihre Weiterentwicklung ist die einzige Chance, Plagiate zu entlarven, weil selbst in kleinen Fachbereichen die Menge der Arbeiten unüberschaubar ist. Bei Seminararbeiten stehen wir schon längst auf verlorenem Posten."

Der wichtigste Grund für das fehlende Unrechtsbewusstsein deutscher Studenten scheint der Mangel an Strafen zu sein. Wer beim Kopieren der Hausarbeit auffliegt, muss meist lediglich auf seinen Schein verzichten und kann das Seminar noch einmal belegen. Abschreiber schreckt das nicht. Ganz anders in den USA, wo Betrugsfälle in den Uni-Zeitungen publik gemacht und die Studenten exmatrikuliert werden, selbst wenn sie dann vergeblich zigtausend Dollar in ihre Ausbildung investiert haben. Auch in Deutschland wächst die Zahl der Professoren, die härtere Sanktionen fordern – neben der Exmatrikulation auch die Aberkennung von Diplomen und Doktortiteln.

Doch nicht nur Abschlussarbeiten reizen zum Abschreiben; besonders häufig wird in Einführungskursen plagiiert, bei denen jedes Jahr dasselbe Grundwissen vermittelt wird. So sind die Dozenten des Münchner Instituts für Kommunikationswissenschaften schon gespannt, ob in diesem Semester zum vierten Mal ein Student die im Internet bereitstehende Hausarbeit über den Zweistufenfluss der Kommunikation einreicht …

© DIE ZEIT 50/2001, 6. Dezember 2001

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