netbusiness 36/01: operation gelungen patient tot

netbusiness 36/01 Seite 36-38

operation gelungen patient tot

Nach dem Ende des Internet-Hypes haben die Insolvenzverwalter Hochkonjunktur: Sie versilbern, was von den abgestürzten Überfliegern noch übriggeblieben ist. Meist ist das nicht mehr als ein geleaster Rechnerpool, billige Standardsoftware und eine unverkäufliche Oracle-Lizenz

Georg Bernsau macht sich keine Illusionen. "Mit hunderttausend Mark kann ich gar nichts anfangen ", sagt der Insolvenzverwalter und schaut über seine randlose Brille. Doch wenn seine Patienten aus der New Economy den Notarzt rufen, haben sie oft noch weniger auf dem Konto. Manche machen nur eine halbe Million Mark Umsatz im Monat und erwirtschaften doppelt so viel Minus. Die meisten haben auch keine Aufträge oder Außenstände, die Geld bringen könnten. Doch die Kosten laufen weiter. Um das finanzielle Ausbluten zu stoppen, greift Bernsau zur schnellen Notoperation. In zwei bis drei Tagen analysiert er das Unternehmen und beginnt dann mit Entlassungen. "Wir machen das ganz brutal", sagt er ehrlich.

Ungefähr dreißig Dotcoms hat der drahtige Vierzigjährige bereits abgewickelt. Er zählt zu den Experten auf dem Gebiet, doch auch Bernsau konnte bisher nur drei der Unternehmen komplett verkaufen. Alle anderen musste er zerschlagen, weil ihr Geschäft nichts mehr wert war. Wenn er von einem seiner letzten Einsätze erzählt, kann er nur noch mit dem Kopf schütteln: "Der Chef hatte einen Schreibtisch für 15.000 Mark. So etwas findet sich nur in den Vorstandsetagen der Deutschen Bank – oder bei deutschen Dotcoms." Den Namen des Unternehmens will er nicht nennen, doch der Tisch brachte bei der Versteigerung gerade mal 2.000 Mark. Lieber erzählt Bernsau von der Rettung des Frankfurter Onlinehändlers für Flugtickets, flights.com, die er gerade erfolgreich über die Bühne gebracht hat: Auch dort war nach dem Verbrennen von 20 Millionen Mark Risikokapital und einer geplatzten Finanzierungsrunde die Party vorbei. Doch flights.com gehört zu den drei Prozent der Onlineshops, die lebendig aus Insolvenzverfahren herauskommen: "Wir waren in der glücklichen Situation, nicht nur Fiktionen vorgefunden zu haben, sondern ein sehr gutes Team sowie ein funktionierendes und auch während der vorläufigen Insolvenz von uns weiter betriebenes Geschäftsmodell ", sagt Bernsau. Das Unternehmen hatte sich vor fünf Jahren als Geheimtipp etabliert und seitdem eine halbe Million Flüge verkauft. Auch während des dreimonatigen Insolvenzverfahrens verkauften sie täglich über hundert Flugtickets zu einem Durchschnittspreis von 850 Mark – ohne auch nur eine Mark für Marketing auszugeben.

"Um ein Unternehmen retten zu können, muss es wenigstens ansatzweise Geld verdienen", sagt Bernsau. Dazu muss es mindestens die Löhne für seine wichtigsten fünf bis zehn Mitarbeiter selbst erwirtschaften können. Der Insolvenzverwalter schneidet dann solange zurück, bis der Rest des Unternehmens sich selber tragen kann. Gerade bekam er die Anfrage eines Unternehmens, das mit 70 Angestellten nur 20.000 bis 40.000 Mark Umsatz im Monat erwirtschaftet. Dafür kann auch Bernsau keinen Käufer finden, sondern höchstens die Einrichtung verkaufen. Das bringt meist herzlich wenig: Die Hardware ist größtenteils geleast, die Software besteht meist aus billigen Standardpaketen und die teure Oracle-Lizenz, die fast jedes Dotcom besitzt, lässt sich nicht übertragen. So erlöst Bernsau oft nur zwei Millionen Mark, obwohl seine Kunden meist mit zehn bis vierzig Millionen finanziert waren.

Bei flights.com konnte Bernsau mehr rausholen, weil das Unternehmen erhalten blieb. "Ein Gesamtverkauf bringt mehr als eine Zerschlagung, weil dann auch der Geschäftsbetrieb einen Wert darstellt ", sagt Bernsau. Als er das Unternehmen zu Beginn des dreimonatigen Insolvenzverfahrens übernahm, war es kopflos. Drei der Vorstände waren bereits abgelöst worden. Dem verbliebenen CTO Alexander Schott legte er die Kündigung nahe, weil er bereits einen Vertrag bei der Reisesoftware-Firma i:fao in der Tasche hatte und somit nicht unbedingt seine Loyalität unter Beweis stellte. Weil immer zuerst die fähigsten Leute gehen, wenn ein Unternehmen keine Löhne mehr zahlen kann, besorgte Bernsau eine Lohnfinanzierung von der Bank. Denn das Arbeitsamt zahlt Insolvenzgeld immer erst rückwirkend, und nicht bei Beantragung des Verfahrens. Jeder Angestellte musste eine Erklärung unterschreiben, dass er später sein Insolvenzgeld an die Bank abtritt. Bernsau stachelte den Ehrgeiz der verbliebenen zweiten Management- Ebene an: In nächtelangen Sitzungen ließ er die Directors Hossein Valaee, Uwe Riehm, Jochen Biewer und Martin Frommhold einen neuen Business-Plan ausarbeiten, der empfindliche Kürzungen umfasst und mit dem das Unternehmen sich selber finanzieren kann. Überall wurde gespart. "Wir haben das Mineralwasser aus eigener Tasche bezahlt und jeder war regelmäßig mit Putzen dran", berichtet PR-Chef Martin Frommhold. Bald schon konkurrierten führende Unternehmen aus der Travel- und Online-Branche um flights.com, unter ihnen die Bahn, T-Online und Delta Airlines. Andrew Heath vom Industrieverwerter GoIndustry schrieb im Auftrag des Insolvenzverwalters 100 Unternehmen an, von denen 26 eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben und Einblick in die Bücher von flights.com nehmen durften.

GoIndustry ist selber erst vor zwei Jahren als Dotcom gestartet. Aber durch geschickten Zukauf jahrzehnte alter Auktionshäuser konnte das Münchener Unternehmen sich mittlerweile als Europas größter Industrieverwerter etablieren. Über seine Website oder in Auktionen seiner Tochterunternehmen Appelboom, Kerner und Plohmann versteigert GoIndustry Produktionsmaschinen, Baugeräte und Industrieanlagen – oder verkauft komplette Firmen. GoIndustry hat schon Dutzende Dotcoms unter den Hammer gebracht. "Nur fünf bis zehn Prozent lassen sich komplett verkaufen. 50 Prozent kann man nur zerschlagen, weil sie kein gutes Geschäftsmodell haben und auch ihre Technologie niemanden interessiert", sagt Heath.

Weil die meisten Interessenten bei flights.com nur auf Teile des Unternehmens scharf waren und nicht die Arbeitsplätze erhalten wollten, fiel beim Verkauf die Wahl auf die britische World Travel Holding (WTH). Sie übernahm wenigstens 14 der 26 Frankfurter Angestellten. Für den Rest konnte der Betriebsrat einen Sozialplan aushandeln. Nun wird bald gepackt für den Umzug in ein billigeres Büro, denn 30.000 Mark Monatsmiete im noblen Frankfurter Westen sind den neuen Herren zu teuer. Ein Lkw hat bereits drei Server abgeholt, über die flights.com an guten Tagen bis zu 500 Tickets verkauft. Sie laufen jetzt bei WTH in Cardiff. Georg Bernsau und Andrew Heath sind schon wieder gemeinsam unterwegs: Sie suchen einen Käufer für das 43 Jahre alte Softwareunternehmen Microbox aus Bad Nauheim.

Markus Göbel

fazit
Andrew Heath, CEO von GoIndustry, wickelt jedes Jahr Hunderte von Insolvenzen ab. Seine Erfahrung:

  • Am meisten bringt immer noch ein Verkauf des Komplettunternehmens, weil so auch der laufende Geschäftsbetrieb einen Wert darstellt und in den Preis eingeht
  • Der Einzelverkauf von Faxgeräten, PCs und Schreibtischen bringt meist nur 5 bis 15 Prozent vom Neupreis
  • Einige hunderttausend Mark können noch die Server bringen, falls die Unternehmen ihre Website selber hosten

Georg Bernsau, 40, ist Insolvenzverwalter und somit von Berufswegen ein Mann ohne Mitgefühl: "Wir machen das ganz brutal"

"Der Chef hatte einen Schreibtisch für 15.000 Mark. So etwas findet sich nur in den Vorstandsetagen der Deutschen Bank – oder bei deutschen Dotcoms"
Georg Bernsau

8% Nur 8 Prozent der durch Risikokapital finanzierten Startups musste aufgeben
92% Bei neun von zehn Unternehmen dürfen die Venture Capitalists noch hoffen, ihr eingesetztes Kapital zu verzinsen
Quelle: e.start.org, European Business School (ebs)

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