WirtschaftsWoche e-business 13/2001: Angriff der Giganten

WirtschaftsWoche e-business 13/2001, S. 70/71, 12.06.2001

Angriff der Giganten

>>> REISEPORTALE. Langsam kommt der Travel-Markt im Internet in Schwung. Doch die Startups haben jetzt schon verloren. Die großen Touristikkonzerne sind auf der Überholspur.

Online-Reiseangebote sind oft ein Glücksspiel. Wer bei Travel24.com Glück hat, kann sich mit fünf Klicks und acht Pulldown-Menüs bis zur Buchung "durchspielen". Oder er hat Pech – und statt der Zahlungsaufforderung kommt die Meldung "Leider konnten wir keine Reiseangebote für die getroffene Auswahl finden". Dann muss er zurück zum Anfang und das Spiel von vorn beginnen.

Solche Erlebnisse verleiden den Deutschen das Buch en im Internet: 62,2 Millionen Urlaubsreisen machten sie im vergangenen Jahr, doch nur drei Prozent wurden online gebucht, fand das Kieler Institut für Tourismusforschung Nordeuropa (N.I.T.) in seiner 31. Reiseanalyse heraus. "Die Anbieter haben im Internet zwar einen Fuß in der Tür, wissen aber nicht, wohin sie führt", sagt Martin Lohmann, wissenschaftlicher Leiter des N.I.T.

Die Unsicherheit zeigt sich auch an den Zahlen der Marktforscher: Während Datamonitor für d en europäisch en Online-Reisemarkt im Jahr 2002 ein Volumen von 1,7 Milliarden Dollar voraussagt, prognostizieren die Kollegen von Phocuswright 10,9 Milliarden Dollar, ein Drittel davon in Deutschland.

Wettbewerbskommissare passen auf

Auf jeden Fall ist der Markt so wichtig, dass ihn die Wettbewerbskommission der EU intensiv beobachtet. Auf Grund von Bedenken aus Brüssel zog jüngst T-Online die Pläne für ein Joint Venture mit den Touristik-Marktführern, der Preussag-Tochter TUI und dem aus dem Zusammenschluss von Condor und NUR Touristik hervorgegangenen Reiseveranstalter C&N, zurück. Jetzt werden die beiden Firmen über Minderheitsbeteiligungen ins Boot geholt. Ab Herbst sollen die sieben Millionen deutschen Kunden der Telekom-Tochter auf die Buchungssysteme der beteiligten Reiseveranstalter – wie TUI, 1-2-Fly, Neckermann und Air Marin – zugreifen können.

Längst ist der Online-Reisemarkt keine Spielwiese für Startups mehr. Noch im März lobte Michael Jung, CEO von Flights.com, die Vorzüge seines Produkts: "Es ist virtuell, und jede Buchung ist voluminös." Dies unterscheidet Reisen von Büchern und CDs, die teure Lagerhaltung erfordern und geringere Gewinnspannen abwerfen. Trotzdem steckt Flights.com seit Mai im Insolvenzverfahren.

Die Riesen der Reisebranche haben den Startups den Rang abgelaufen. TUI Deutschland setzte im vergangenen Jahr 25 Millionen Euro im Internet um. Das entspricht zwar nur 0,6 Prozent vom Gesamtumsatz, aber es macht Tui.de zu einer der umsatzstärksten Reiseseiten im deutschen Web mit täglich über 120 000 Besuchern. Dabei generiert TUI seinen Online-Umsatz nur über eine einzige Site. Die Konkurrenz C&N brauchte sieben Marken im Internet, um 2000 auf 13,5 Millionen Euro Umsatz zu kommen.

Für TUI ist das Internet lediglich ein weiterer Vertriebsweg. Deshalb bietet Tui.de keine Preisvorteile, sondern einfach alle Angebote aus dem Katalog. Zusätzlich werden liegen gebliebene Reisen der anderen Preussag-Touristiktöchter zum Last-Minute-Preis verhökert. "Es liegt sicher auch am Markennamen TUI, dass Tui.de eine der erfolgreichsten Reise-Sites in Deutschland ist", sagt Michael Ohm, Geschäftsführer der TUI Interactive GmbH. Zwar machte das Startup Travel24.com im Jahr 2000 ebenfalls 25 Millionen Euro Umsatz. Es erwirtschaftete dabei aber rund 34 Millionen Euro Verlust, weil es seinen Namen mit einem teuren Werbefeldzug etablieren musste.

Schwerer Stand für Nobodys

"Ein bekannter Name gibt den Usern ein sicheres Gefühl und bringt sie zum Buchen", sagt Professor Edgar Kreilkamp vom Institut für Tourismusmanagement der Universität Lüneburg. Nach Kreilkamps Schätzungen gibt es in Deutschland 8 000 Reise-Web-Seiten, weil mittlerweile jedes zweite Reisebüro eine eigene Homepage habe – viele davon mit Buchungsfunktionen. Aus diesem Grund habe es ein Nobody immer schwerer.

Doch auch TUI musste sich anfangs Kritik gefallen lassen, weil die Web-Site zu kompliziert war. Mittlerweile führt sie in drei Klicks zur Buchung. "Bei vielen Reise-Sites zählt nur das Design – und der Service ist schlecht", sagt Axel Schmiegelow von der Kölner Web-Agentur Denkwerk. Seine Firma hat den Auftritt des Last-Minute-Anbieters Bucher Reisen dagegen auf Funktionalität getrimmt: Die Buchungsmaske auf der Einstiegsseite wandert mit, wenn der Nutzer sich auf Unterseiten weiterklickt. So kann er seine Reisepläne anpassen, ohne von vorn anzufangen. Bucherreisen. de ist eine der umsatzstärksten Web-Sites des C&N-Konzerns und soll mittlerweile mehr Umsatz bringen als dessen größtes stationäres Reisebüro.

Bucherreisen.de bietet nur verfügbare Reisen an. Bei anderen Sites merken Nutzer erst beim Bezahlen, dass die Reise schon ausgebucht ist. Um diese Aktualität zu gewährleisten, hat Denkwerk die Site an den C&N-Zentralrechner angeschlossen, einen AS/400-Rechner von IBM, der jede Sekunde seine Datenbank aktualisiert. So werden Online- Reiseangebote kein Glücksspiel, sondern ein simples Vergnügen.

Markus Göbel m.goebel@vhb.de

Online-Buchung leicht gemacht

>> Die Seiten müssen sich selbst erklären und kinderleicht zu bedienen sein.

>> In maximal drei Klicks muss der Kunde zur Buchung kommen.

>> An jeder Stelle muss der Kunde seine Eingaben ändern können, ohne die Buchung von vorn beginnen zu müssen.

>> Zu jeder Reise sollten möglichst viele Zusatzinfos wie Fotos und landestypische Besonderheiten angegeben sein.

>> Die genannten Preise sollten immer Gesamtpreise sein, die nicht noch später um Steuern und Gebühren erhöht werden.

>> Weil Reisen ein teures Gut sind, ist absolute Seriosität gefragt. Ein Impressum mit genauer Angabe von Adresse und Telefonnummer erzeugt Vertrauen.

>>> Links

Last Minute, Pauschalreisen, Ferienhäuser
> www.travel24.com

Flüge, Hotels, Mietwagen, Last Minute
> www.tui.de

Last-Minute-Angebote der C&N-Gruppe
> www.bucherreisen.de

Tourismusforschung des N.I.T.
> www.nit-kiel.de

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