WirtschaftsWoche e-business 12/2001: TV-Startups

WirtschaftsWoche e-business 12/2001, S. 64/65, 30.05.2001

TV-Startups

>>> INTERNET-FERNSEHSENDER. Mit kleinen Ruckelbildern ist kein Geld zu verdienen. Die Netzsender satteln um auf B2B.

Ariane Sommer brüllt gegen den Diskolärm an und plappert sich im Interview mal wieder um Kopf und Kragen. Die blonde Berlinerin, die aus ihrem Medienetikett "Szenegirl" eine Profession macht und neuerdings auch Privatpartys gegen Honorar besucht, gehört zum Inventar der Nobeldisko 90 Grad. "Ich bin ein Produkt, das alle haben wollen", schreit sie ins Mikrofon. Doch damit erobert sie nicht den großen Bildschirm, sondern nur ein hanutagroßes Ruckelfensterchen im Berliner Internet-TV "Freshmilk". Auch sonst wird Ariane Sommer ziemlich in die Enge getrieben: Das Reporterteam Prada Meinhoff kennt die Berliner Szene mindestens ebenso gut, sieht dabei aus wie Jenny Elvers und Sandra Maischberger im Doppelpack und ätzt ohne Unterlass gegen die "Bonzensöhne" und die "halbnackten Prämienstuten aus dem 90 Grad". Wenn der Beitrag mal nicht so lustig ist, werden die Lacher eben vom Band eingespielt. Bis zu 80 000 solcher Kurz- Clips würden jeden Monat bei Freshmilk abgerufen, sagt Geschäftsführer Vincent Honrodt.

"Freshmilk hat richtig erkannt, dass man im Internet Charaktere aufbauen muss, welche die Zuschauer immer wieder sehen wollen", sagt Christoph Tophinke, Producer beim Dienstleister TVDeluxe. Mit seinen Kollegen, die von Fernsehsendern wie Vox und Arte oder aus Internet-Firmen wie Oneview kommen, berät Tophinke Markenartikler wie Kraft, die auf ihrer Web-Site bewegte Bilder einsetzen, weil sie damit den Zugang zu jungen Zielgruppen anstreben. Eigentlich war auch TV-Deluxe als Internet- Fernsehen geplant, doch im Moment ist für dieses Business-Modell nur schwer Risikokapital zu bekommen.

200 Minuten vor dem Fernseher

Dass Streaming Video das richtige Format für Information und Unterhaltung ist, schien unter den Startups lange keine Frage zu sein. Dabei nutzen gerade mal 17 Prozent aller Internet-Surfer Streaming – durchschnittlich 18 Minuten pro Monat, ergab eine Studie von Kirch New Media. Zum Vergleich: Etwa 200 Minuten verbringt ein Deutscher pro Tag vor dem Fernseher.

Mittlerweile macht sich Ernüchterung breit, und es zeigt sich, dass mit einem Vollprogramm im Internet kein Geld zu verdienen ist. So musste TV1.de auf der Messe Internetworld öffentlich zugeben, dass sein Konzept gescheitert ist. Geschäftsführer Michael Westphal räumt ein: "Unsere Vision, in Konkurrenz mit großen Portalen wie T-Online treten zu können, hat sich nicht erfüllt".

Rettungsboje Business-to-Business

TV1.de sucht sein Heil jetzt im Business-to-Business-Geschäft (B2B). "Da wir die nötigen Nutzerzahlen nicht aufbringen können, werden wir künftig die Inhalte liefern", hofft Westphal. Doch auch dieser Weg wird steinig, denn die meisten Geschäftskunden wissen mit dem neuen Medium noch gar nichts anzufangen. "Bislang sind die Firmen einfach nur froh, wenn überhaupt Videos über ihre Web-Site laufen", so Westphal. Sie erteilten meist Aufträge, die technisch schon vor zwei Jahren möglich gewesen wären.

Auch Webfreetv hat vor dem schwachen Markt kapituliert und musste seine "neue Form der Mediendemokratie" auf Eis legen. Noch im vergangenen Sommer konnten Hobbyfilmemacher sich in dem noblen Laden Flagship am Potsdamer Platz kreativ austoben. Webfreetv stellte ihnen kostenlos einen Kameramann und einen Cutter zur Seite, um durch die Privatfilme an günstige Inhalte heranzukommen. Heute arbeitet Webfreetv nur noch im Kundenauftrag als Produktionsfirma. Vor zwei Wochen übertrug das Unternehmen live die erste "Internetnight" der CDU aus dem Konrad- Adenauer-Haus – gegen Cash.

"Diese Dot-Coms wissen doch nur, wie man Geld verbrennt", sagt Gunther Müller, Vorstand des Nürnberger Unternehmens Netvision. Seine Firma hat sich im B2B-Markt schon etabliert, in denen die gescheiterten Fernsehsender eindringen wollen. Mit seinen 25 Mitarbeitern hat Netvision bereits über 350 Live-Veranstaltungen ins Internet oder in Firmen-Intranets gestreamt. Das Unternehmen zähle, sagt Müller, mehr als 80 Prozent der Dax-Unternehmen zu seinen regelmäßigen Kunden. Nur zwei Jahre nach seiner Gründung im Jahr 1997 erreichte Netvision den Breakeven und übertrug unter anderem die Pressekonferenz zur Fusion von Allianz und Dresdner Bank.

Im B2C-Bereich können derzeit wohl nur Sexanbieter Geld verdienen: 3,63 Mark kosten die Live-Streams pro Minute, welche die Berliner Firma Venus 3000 anbietet. Zehntausend Minuten werden pro Tag verkauft. 200 Frauen sind in 13 Live-Studios Tag und Nacht in Vierstundenschichten beim Striptease im Einsatz. Bei der Vermarktung setzt der Content-Syndicator auf Wiederverkäufer: Bereits über tausend Web- Master sollen die Streams in ihre eigenen Angebote eingebunden haben, so dass sie auf Tausenden Web-Sites gleichzeitig laufen. Die Wiederverkäufer müssen lediglich für genügend Traffic sorgen, indem sie sich um Suchmaschineneinträge kümmern oder Anzeigen schalten. Für alles, was hinter der Web-Site läuft, sorgt Venus 3000 und behält dafür die Hälfte das Umsatzes. Dafür liefert die Firma dem Nutzer ein "ruckelfreies Großbild", das viermal so groß ist wie beim normalen Internet-TV. Auch Interaktivität ist möglich: Die Zuschauer können die Kamera bewegen und mit den Damen chatten.

Der Berliner Sender Freshmilk ist mittlerweile eine der letzten Firmen in Deutschland, die ein regelmäßiges kostenloses Fernsehprogramm im Internet anbieten. Weil auch Freshmilk damit keine Gewinne macht, finanziert es das Programm ebenfalls über B2B. Allerdings anders als die Konkurrenz: Freshmilk hat den Sprung ins Fernsehen geschafft und bekommt eine eigene Sendung im Berliner Kabelsender XXP.

Markus Göbel m.goebel@vhb.de

Tipps für erfolgreiches Web-TV

>> Nur mit Internet-Fernsehen Geld zu verdienen, ist schwer. Wer es schafft, auch für herkömmliches TV zu produzieren, ist besser positioniert.

>> Internet-TV für den Endkunden bringt kaum Profit. Auf dem Markt für Geschäftskunden bieten sich allerdings zahlreiche Möglichkeiten für Web-TV: Pressekonferenzen, Intranet- Specials für Großkonzerne, Werbespots.

>> Auch im Web-TV gilt: Nur gute Storys und vertraute Charaktere bringen Zuschauer.

>> Auf ausreichende Serverkapazität und möglichst breitbandige Anbindung für hohe Nutzerzahlen muss geachtet werden.

>> Weil das Bild so klein ist, sollten Online- Filme möglichst viele Nahaufnahmen enthalten. Besonders Personen sind ansonsten kaum zu erkennen.

>> Kein Online-Film sollte länger als fünf Minuten sein.

>> Web-TV muss schneller auf den Punkt kommen als normales Fernsehen.

>>> Links

Party-TV aus Berlin
> www.freshmilk.de

Live-Übertragungen und Image-Videos
> www.webfreetv.de

Zulieferer für Musik, Kino und Nachrichten
> www.tv1.de

Web-Filmproduktion und Consulting
> www.tvdeluxe.de

Übertragung von Hauptversammlungen und Pressekonferenzen
> www.netvision.de

Stream-Anbieter für Sex-Web-Sites
> www.venus3000.de

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