DIE ZEIT 12/2001: Vorwärts in die Old Economy

A R B E I T S M A R K T

Vorwärts in die Old Economy

Trotz Pleiten, Pech und Pannen beschleunigt die Arbeit in einem Start-up-Unternehmen die Karriere

Von Arne Molfenter und Markus Göbel

Schon wieder muss er bis Mitternacht arbeiten. Und das, obwohl er die New Economy eigentlich hinter sich gelassen hat. Berlin, Gendarmenmarkt: In nächtlicher Hektik fotokopiert und telefoniert Yorck Richter gleichzeitig. Das Projekt ist neu. Geheim. Hat nichts mit seinem Leben als Finanzvorstand des Kölner Internet-Start-ups Portal AG zu tun, das innerhalb von eineinhalb Jahren 15 Millionen Mark verbrannte und inzwischen pleite ist.

Erst sprang der wichtigste Investor ab – 17 Stunden vor dem Notartermin -, und dann verschwand der Vorstandsvorsitzende. Seither schrieb Richter mehr als 80 Zeugnisse für ehemalige Mitarbeiter und verkaufte das Mobiliar. Nicht mehr lange – dann ist das Abenteuer New Economy für ihn vorbei. Stattdessen arbeitet er für eine Versicherung. "Das ist etwas Solides. Man weiß genau, dass man auch in drei Monaten noch Geld verdient."

"Auch die Enttäuschung ist eine wertvolle Erfahrung"

Richter ist keine Ausnahme. So wie er fliehen viele zurück in die Sicherheit der Konzerne. Bei einigen Unternehmensberatern und Bankmanagern sind die Gründer und ihre leitenden Angestellten so begehrt, dass ihre potenziellen Arbeitgeber es gar nicht abwarten können. Sie hängen sich selbst ans Telefon: Kommt wieder zu uns. Eure Erfahrungen sind wertvoll. Selbst eine Insolvenz – in Deutschland lange Zeit der Weg ins berufliche Nichts – schadet der Karriere nicht mehr. Im Gegenteil: Für erste Jungunternehmer wird die Pleite zum Karrieresprungbrett.

"Boomeranger" werden in den USA diejenigen genannt, die nach ihrem Ausflug in die New Economy wie ein Bumerang an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren. B to C, das trendige Kürzel der Internet-Wirtschaft, welches bisher für Business to Consumer stand, hat eine neue Bedeutung: Spöttisch wird es mit Back to Consulting übersetzt. Fast jeder dritte E-Business-Gründer in Deutschland war vorher Unternehmensberater, ergab eine Studie der Beratungsfirma Bain & Company.

Die wachsende Lust zur Umkehr registrieren die Großen der Branche – McKinsey, Boston Consulting Group oder Accenture (ehemals Andersen Consulting) – seit einigen Monaten. Weil Start-ups zu Shot-downs wurden, haben die Personalchefs immer mehr Briefe von Exmitarbeitern auf dem Tisch. Aber sie sorgen auch selbst durch gezielte Ansprache dafür, die weggelaufenen Berater zurückzugewinnen. In den USA heißt diese Form der Personalsuche rehiring program.

Von einem "Rückholprogramm" möchte Edgar Britschgi, bei der Unternehmensberatung Accenture für Personalsuche verantwortlich, lieber nicht sprechen. Aber in den vergangenen Monaten hat auch er einige Telefonate geführt: Ehemalige Kollegen, die jetzt in Start-ups arbeiten, wurden gefragt, ob sie noch zufrieden seien in der New Economy – nicht ohne zu erwähnen, dass die "Tür für sie jederzeit offen ist". Britschgi rechnet zur Jahresmitte mit bis zu 20 Rückkehrern. Accenture schätzt das unternehmerische Können der Wiedereinsteiger. "Grundsätzlich ist auch eine Enttäuschung eine wertvolle Erfahrung", sagt Britschgi.

Bei der Suche nach neuen Jobs nutzen die Dot.com-Flüchtlinge gern ihr eigenes Medium. In den Diskussionsforen von netslaves.com, fuckedcompany.com oder etwa crashdotcom.net können entlassene Startup-Mitarbeiter die Erfahrungen anderer nachlesen, in einer Jobbörse nach Arbeit auch in der alten Wirtschaft suchen oder das "dümmste Dotcom Deutschlands" wählen.

"Sieh es wie die Rückkehr aus einem Schwangerschaftsurlaub", sagten die Kollegen, als Magnus Graf Lambsdorff vom Hamburger Start-up tallyman nach zehn Monaten zu seinem ehemaligen Arbeitgeber zurückkam. Seit 1. Februar arbeitet er wieder in der Abteilung High-Tech und Telekom bei Egon Zehnder International, einem der führenden Personalberater Europas. Tallyman hatte eine Idee aus den USA kopiert: Auf der Internet-Seite konnten Kunden einen Preis nennen, den sie für Flüge oder Mietwagen zu zahlen bereit waren, und tallyman suchte das passende Angebot. Da die Gründer keine Anschlussfinanzierung fanden, verkauften sie ihr Geschäftsmodell und ihre Software.

Ins Start-up-Abenteuer hatte den Grafen die Chancen der neuen Wirtschaft gelockt. Zudem bekam er als Vorstand einen ansehnlichen Firmenanteil. Wäre das Unternehmen an die Börse gebracht worden, hätte Lambsdorff Millionen verdienen können. Das ist vorbei. Heute besitzt er keine Unternehmensanteile mehr, dafür verdient er bei seinem neuen alten Arbeitgeber deutlich mehr. Lambsdorff möchte auf keinen Fall ein zweites Mal ein Unternehmen gründen. Aus Verantwortung gegenüber seiner Familie, wie er sagt.

Nicht immer gelingt den Gründern die Neuorientierung so reibungslos. Dann kommt Alfred Kaune ins Spiel. Für 2500 Mark am Tag kümmert sich der Managementtrainer aus Ostfriesland um die Ratsuchenden. Bis vor einem Jahr arbeitete die Mehrheit seiner Klienten in großen Unternehmen, etwa bei der Deutschen Bank. Dann begannen die Schwierigkeiten am Neuen Markt, und Kaune kam zu neuen Kunden. Mittlerweile stammen drei Viertel seiner Klienten aus der New Economy.

Bei einem einfühlsamen Gespräch während eines langen Spaziergangs um die Hamburger Außenalster nimmt Kaune seinen Klienten die Furcht vor Verlust und Neuanfang. Anderen hilft eine Potenzialanalyse in der Lobby eines Luxushotels. Der 39-Jährige, der auch Bundesligafußballer von der Angst vorm Toreschießen befreit, sieht Parallelen zwischen Profisport und New Economy: "Sie sind alle junge Menschen mit viel Geld. Aber sie wissen nicht, ob sie im nächsten Jahr noch dabei sind."

Die Ängste nach einer Pleite sind real – doch sind sie weniger begründet als noch vor einigen Jahren, weil die Gründer von einem erkennbaren Mentalitätswechsel profitieren. "In den USA wird die positive Erfahrung, die man aus einer Pleite zieht, positiv gewürdigt. Auch in Deutschland sind wir auf dem Weg dahin", sagt Frank Goldberg, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des im Oktober geschlossenen Internet-Musik-Start-ups Dock 11. Nach dem Insolvenzverfahren tauchte Goldberg erst einmal ab und erforschte im Dezember die Unterwasserwelt vor der Insel Sipadan bei Borneo. Um einen neuen Job zu bekommen, musste er sich nicht besonders anstrengen. Seine Start-up-Erfahrungen waren viel wert. Als das Insolvenzverfahren bekannt wurde, erhielt der Gründer sofort Angebote von Unternehmensberatungen, Headhuntern und Internet-Dienstleistern.

Goldberg nutzte seine Kontakte nicht zuletzt, um ehemaligen Angestellten einen neuen Job zu vermitteln. So kamen sie zu Angeboten aus der alten Wirtschaft – zu Bertelsmann, der Metro-Gruppe oder dem Otto Versand. "Viele Mitarbeiter in niedrigen Positionen haben es schwerer, einen Nachfolgejob zu finden, weil sie nicht so viele Verbindungen haben. Oft trauen sie sich nicht, direkt bei anderen Unternehmen anzufragen – im Gegensatz zu den Vorstandsmitgliedern", sagt Managementtrainer Alfred Kaune.

Die Rückkehrer suchen Sicherheit. Und die finden sie am ehesten in etablierten Unternehmen der alten Wirtschaft. Ein ordentliches Gehalt ersetzt die Hoffnung auf hohe Gewinne durch Stock Options; statt hipper Unternehmenskultur eröffnen sich Aufstiegschancen.

Nach zweieinhalb Jahren wollte auch Helene Press wieder in ein professionelleres Umfeld zurückkehren. Beim Start-up t/s/g, das Software und Internet-Lösungen für Zeitungsverlage programmierte, vergaß man schon einmal, dem Kunden eine Rechnung über eine halbe Million Mark für ein digitales Druckzentrum auszustellen. Noch vor dem Ablauf der Finanzierung durch Fördermittel geriet das Unternehmen in Schwierigkeiten. Kurz vor der Schließung verschärfte die Finanzchefin, eine gelernte Hotelfachfrau, die Sparmaßnahmen: Die Kekse für die Kunden, von denen die Mitarbeiter gern naschten, wurden abends eingeschlossen. Inzwischen arbeitet die 33 Jahre alte Helene Press für die BMW Bank in München, wo sie ein Computersystem für Geschäfte zwischen BMW Bank und Autohändlern einführte. Beim B-2-B, dem back-to-banking, halfen der gelernten Bank- und Diplomkauffrau ihre Start-up-Erfahrungen sehr: "Gute Internet-Jobs gibt es auch in der Old Economy."

Ob old, ob new – von Wirtschaft hat Loretta Würtenberger, ehemaliges Vorstandsmitglied der Webmiles AG, vorerst genug. Mit 25 Jahren war sie Deutschlands jüngste Richterin – heute, drei Jahre später, ist sie eine der jüngsten Exvorstände der New Economy. Sieben Wochen nach dem Verkauf von Webmiles an Bertelsmann hatte die 28 Jahre alte Vorzeigefrau von Rabattprogrammen für Internet-Surfer genug. Vielleicht geht sie später in die New Economy zurück, vielleicht startet die FDP-Anhängerin eine politische Karriere.

Sicher ist nur: Was ausgebrannte Manager normalerweise mit Mitte 40 einlegen, macht Loretta Würtenberger schon jetzt – ein ganzes Jahr Pause.

© DIE ZEIT 12/2001, 15. März 2001

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