DIE ZEIT 46/2000: Talente ohne Schmiede

M U S I K

Talente ohne Schmiede

Die Musikbranche braucht besser ausgebildeten Nachwuchs

Von Arne Molfenter; Markus Göbel

Das Geheimnis von London liegt im Süden der Stadt. Im Untergeschoss des kleinen Hauses vibrieren die Fensterscheiben. Die Lämpchen des Musikcomputers folgen dem Beat, und Martin Griese schaut seinen Mitarbeitern zufrieden über die Schulter. Die kurze Basssequenz, die sie gerade programmiert haben, soll in zwei Wochen die Besucher in den Londoner Clubs zum Tanzen bringen. Vielleicht sogar die Nachtschwärmer in ganz Europa.

Newtronic Ltd. heißt die Firma in dem Haus im Süden der Stadt. "Londons bestgehütetes Geheimnis" – mit diesem Slogan wirbt Newtronic, weil hier begehrte MIDI-Samples programmiert werden, kleine Musikbausteine, aus denen Produzenten und DJs weltweit ihre Hits basteln. Speed Trance, Club Bass 2000 oder Ibiza Essentials heißen die Produkte, auf denen bis zu 500 professionell programmierte Klänge gespeichert sind. Newtronic liefert die Moleküle, aus denen sich eine gute Clubnacht zusammensetzt. Unter http://www.newtronic.com bestellen Musiker aus Japan, den USA und Europa ein Stück Inspiration über das Netz. Newtronic-Gründer Martin Griese ist bisweilen selbst überrascht, wenn er in der Discothek einer fremden Großstadt seine Melodiefetzen heraushört.

Vor zehn Jahren zog Martin Griese vom rheinländischen Wormersdorf nach London. "Die neunziger Jahre waren das Jahrzehnt der Dance-Kultur. Doch nur in Großbritannien gab es für mich die Möglichkeit, diese Musik zu erleben und weiterzuentwickeln." Am Goldsmith’s College studierte er Musik und erwarb danach ein Diplom als Musikinformatiker an der Londoner City University. In Deutschland existieren solche Studiengänge lediglich als Nebenfach an wenigen Universitäten. "Hier in England werden die kreativen Berufe mehr geachtet als in Deutschland. Dabei gewinnen sie für die Musikindustrie und die Neuen Medien immer mehr Bedeutung", sagt Martin Griese.

Nach den USA und Japan ist Deutschland der drittgrößte Musikmarkt der Welt. Sechs Milliarden Mark setzte die Branche im vergangenen Jahr mit dem Verkauf von 250 Millionen Platten um, soviel wie kein anderer Zweig der Kulturindustrie. In Deutschland arbeiten 100 000 Musiker, Komponisten und Texter. Dazu kommen knapp 50 000 Beschäftigte in der Musikindustrie, bei Verlagen, Tonstudios und Konzertagenturen. Nur zehn Prozent davon sind Akademiker. Die Musikindustrie verwies bislang gerne darauf, dass Kreativität wichtiger sei als ein Unidiplom. Doch das scheint sich zu ändern. "Wer in diese Branche will, wird in zunehmendem Maß den Weg über eine qualifizierte Ausbildung gehen müssen, auch wenn es Quereinsteiger immer geben wird", sagt Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender der Viva Media AG.

An US-Colleges gibt es sogar universitätseigene Plattenlabels

Einen Studiengang, der sich ausschließlich mit Popmusik oder der Musikindustrie beschäftigt, gibt es an keiner deutschen Hochschule. Ganz anders in den USA. Dort bilden die Universitäten seit Jahrzehnten für die Arbeit in der Musikbranche aus. Am Berklee College of Music in Boston wird bereits seit 1945 Popmusik gelehrt. Musik versteht man dort vor allem als Geschäft. Das Studienfach "Music Business und Management" führt als Hauptfach in acht Semestern zum Abschluss. Was am College gelernt wird, lässt sich sofort umsetzen: Das universitätseigene Plattenlabel Heavy Rotation ist ständig auf der Suche nach neuen Künstlern und vermarktet sie professionell. Zu den Dozenten gehören der Sänger Billy Joel und Quincy Jones, der Michael Jacksons erfolgreichste Platte,Thriller, und weitere Nummer-eins-Hits produzierte.

Die Idee, Popmusikprofis akademisch auszubilden, findet in Europa allmählich Nachahmer. 1996 gründete Ex-Beatle Paul McCartney in seiner Heimatstadt das Liverpool Institute for Performing Arts (LIPA), an dem nicht nur Musiker ausgebildet werden. Hier können die Studenten in einem dreijährigen Studium einen Bachelor in Musikmanagement erwerben. Auf dem Stundenplan: Marketing, Promotion und Finanzausbildung für das Musikgeschäft. Das Studium kann für ein Jahr unterbrochen werden, um beispielsweise Erfahrungen in einer Plattenfirma zu sammeln.

Liegt es auch an solchen Studiengängen, dass Musik aus den USA und Großbritannien so viel erfolgreicher ist als deutsche Produktionen? "Wir haben ein riesiges Defizit bei der Entwicklung von Weltstars. Eine deutsche Celine Dion gibt es bislang einfach nicht", meint Eberhard Kromer, der bei Sony Music Verträge für deutsche Popstars wie die Fantastischen Vier oder Sabrina Setlur schließt. Weshalb sich deutsche Musik international kaum vermarkten lässt, darüber zerbricht sich die Musikindustrie den Kopf. "Ein Grund kann sein, dass wir zu wenig in die Ausbildung investieren", sagt Kromer. Nicht jeder in der Branche sieht das so. Friedhelm Jacobs, Personalchef des Plattenlabels BMG Entertainment meint: "Ich glaube nicht, dass man an einer Universität lernen kann, was im Musikgeschäft wirklich gefragt ist."

Einig ist man sich in der Branche, dass Popmusik stärker als Wirtschaftszweig gesehen werden muss. Nicht nur an entsprechenden Studiengängen fehlt es. Jahrelang kämpften die Personalchefs der großen Plattenfirmen um einen eigenen Ausbildungsberuf. 1998 schufen sie dann endlich den Kaufmann für audiovisuelle Medien. Dabei lernen die Auszubildenden in drei Jahren alles, was für die Arbeit im Musikbusiness wichtig ist: Repertoire- und Rechtebeschaffung, Promotion, Marketing, Vertrieb sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Tagsüber vermarkten, nachts Szeneerfahrung in den Clubs sammeln, so stellen sich die Personalchefs den idealen Berufseinsteiger vor. Gefragt sind im Musikgeschäft auch Juristen, Betriebswirte und Absolventen des Aufbaustudiengangs Kulturmanagement.

Einig ist man sich auch, dass, wer Erfolg haben will, über Internet-Kenntnisse verfügen muss. Denn kaum eine Branche wird sich so stark durch die weltweite Vernetzung der Computersysteme verändern wie die Musikindustrie. "Heute geht es noch darum, möglichst viele CDs zu verkaufen. Doch im Internet lädt der Kunde nur die Titel herunter, die er wirklich hören will", sagt Eberhard Kromer von Sony Music.

Das Internet bringt neue Berufe wie den Stream-Jay hervor

Die Plattenfirmen wollen zukünftig ihr Geld damit verdienen, dass sie dem Kunden Orientierung geben. Unter den Millionen von Titeln, die es im Netz gibt, soll er auf ihren Web-Seiten das Richtige finden und kaufen. In Kürze werden die großen Plattenfirmen ihr gesamtes Musikangebot im Internet zum Herunterladen zur Verfügung stellen. Neue Berufe wie der Online-Vermarkter oder der Stream-Jay, der den Kunden im Internet ein anklickbares Wunschprogramm zusammenstellt, sind bereits entstanden.

Für einen Job in der Branche allerdings wird es wohl auch in Zukunft weder eine Berufsschule noch einen Studiengang geben: für den Job der Artist&Repertoire-Manager (A&R). Sie gelten als diejenigen, deren Erfolgsgeheimnis niemand lehren kann. Sie entdecken unbekannte Künstler und versuchen, aus deren Liedern einen Hit zu machen. Freie A&R-Manager, die prozentual am Erfolg beteiligt sind, können es auf eine Million Mark Jahresverdienst bringen. Obwohl viele Plattenfirmen täglich Bewerbungen bekommen, sind sie ständig auf der Suche nach A&R-Talenten. Denn nur die wenigsten bringen einen großen Hit zustande. Trotz der Diskussion über eine bessere Ausbildung: einer der erfolgreichsten A&R-Manager Deutschlands ist ein gelernter Friseur.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter www.zeit.de/2000/46/musik.

ZUM THEMA.

EXTERNE LINKS.

»  Kulturmanagement an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg

»  Institut für Kulturmanagement der Fernuni Hagen

»  Institut für Kultur- und Medienmanagement Hamburg

»  Berklee College of Music

»  Liverpool Institute of Performing Arts

»  Ausbildung Kaufmann für audiovisuelle Medien

»  Newtronic

»  Jobs bei Sony

»  Sony

»  EMI

»  Jobs bei BMG Entertainment

»  BMG Entertainment

»  Jobs bei Edel Records

(c) DIE ZEIT   46/2000, 9. November 2000

Original-URL des Artikels:
http://www.zeit.de/2000/46/Hochschule/200046_c-musicbiz.html

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