DIE ZEIT 32/2000: Nachts lockt das Netz

Nachts lockt das Netz

Auf welch verschlungenen Pfaden sich kubanische Studenten den Weg ins Internet bahnen

Von Arne Molfenter und Markus Göbel

Lange dauert das hohe Kreischen. Dann das erlösende Rauschen – die Verbindung steht. Tiefschwarz ist die Nacht in Vedado, einem der besseren Stadtviertel der kubanischen Hauptstadt Havanna. Es ist die beste Zeit für Mirta González*, um sich ins Internet einzuwählen. Was die Studentin auf ihrem verglasten Balkon tut, kann gefährlich werden. Denn kein Kubaner darf einen privaten Internet-Anschluss besitzen, weil das Castro-Regime das Unterlaufen der staatlichen Zensur fürchtet.

Das Risiko, das Mirta González eingeht, nehmen Tausende kubanische Studenten auf sich, denn sie wollen die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft nutzen und im weltweiten Netz recherchieren.

Die Regierung Kubas sieht den Drang ihrer Landsleute ins Internet mit gemischten Gefühlen. „Bewusst und geordnet will Kuba die Informatisierung des Landes vorantreiben“, sagte Carlos Lage auf der diesjährigen Informática 2000 – der größten Computermesse des Landes. Der Chefideologe der herrschenden kommunistischen Partei möchte „deren Vorteile ausnutzen und ihre negativen Effekte verhindern“. Unter Kubas Funktionären verbreitete sich ein geflügeltes Wort: „Wenn man den Mund öffnet, kommen auch Fliegen hinein“. Einerseits hofft Kuba Devisen zu sparen – E-Mails sind billiger als Faxe, das Herunterladen von Internet-Publikationen ist billiger als Fachzeitschriften zu abonnieren. Auf der anderen Seite finden Studenten und Wissenschaftler im World Wide Web ein Medium zur Verbreitung dissidenter Ansichten, wie sie im Land selbst nirgends veröffentlicht werden dürften. „Das Streben nach technischem Fortschritt beißt sich mit dem Bedürfnis nach Kontrolle“, sagt Bert Hoffmann vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Der Politikwissenschaftler untersucht die Nutzung und die Auswirkungen des Internet auf Kuba.

Mirta bekam die Politik der Regierung zu spüren. Als die Studentin der Französischen Literatur ihre Diplomarbeit an der Universität von Havanna abgab, begannen die Probleme. Wochenlang hatte sie heimlich im Internet recherchiert, sodass sie im Literaturverzeichnis ihrer Arbeit Dutzende von ausländischen Büchern und Internet-Adressen zitieren konnte. Jetzt sollte alles umsonst gewesen sein: Obwohl ihre Betreuerin die Diplomarbeit immer gelobt hatte, bekam Mirta die Arbeit vom Prüfungskomitee zurück. Die Bibliografie sei zu lang, lautete die offizielle Begründung.

Mit dem eigenen Computer entdecken, was verboten ist

In den Hochschulen der Hauptstadt haben viele Studenten zwar einen offiziellen Zugang zum Netz. Oft sind dies jedoch rein kubanische Verbindungen, und 90 Prozent der Internet-Nutzer dürfen lediglich E-Mails schreiben und empfangen, der Blick auf Hompepages aus dem Ausland bleibt den meisten verwehrt.

Doch Neugier macht erfinderisch. Als der Medizinstudent Francisco Pacheco* erstmals eine Website des kubanischen Medizinnetzes Infomed sah, war er begeistert. Infomed ist nicht nur ein Kommunikationskanal zwischen Krankenhäusern, Ministerien und Ärzten, sondern auch eine Art Internet-Ersatz. Eine Gruppe von Spezialisten durchsucht regelmäßig das World Wide Web, um medizinische Diskussionsforen und Informationen herunterzuladen.

Francisco hatte ein festes Ziel: Ein eigener Computer musste her, mit dem er all das, was verboten war, entdecken konnte. Offiziell gibt es in Kuba keine Computer zu kaufen. Der Nachschub funktioniert trotzdem: Exikubaner oder Freunde im Ausland kaufen Computer, sie werden von Kuba-Reisenden ins Land gebracht, manchmal werden sie auch Touristen gestohlen. Francisco besorgte sich mühsam die Einzelteile auf dem Schwarzmarkt.

Nach drei Monaten hatte er alles zusammengeschraubt. Bis zum Surfen im Internet war es allerdings noch ein weiter Weg. Wie 97 Prozent aller Kubaner hat Franciscos Familie keinen Telefonanschluss. Aber sein Nachbar besitzt einen, und Francisco legte ein Kabel in dessen Wohnung. Der Nachbar bekommt dafür zwölf Dollar im Monat, umgerechnet einen Monatslohn. Francisco schweigt über die Herkunft des Geldes; nachts aber kann er durch das Internet surfen. Den Zugang hat er von einem ausländischen Studenten gekauft, der ihm für ein paar Stunden sein Passwort zur Verfügung stellt. Francisco kennt den Ausländer nicht, aber jeden Monat kommt ein Bote, der zehn Dollar dafür abholt. Ein gutes Geschäft für beide Seiten, denn der Internet-Zugang ist für ausländische Studenten mit 40 bis 60 Dollar pro Monat nicht billig. Allein in Havanna werden Tausende von Internet-Zugängen illegal abgezweigt, um den Kontakt mit dem Ausland zu erleichtern.

Für Francisco öffnete sich eine neue Welt. Als er in dieser Nacht surft, lässt er auch die Seiten der radikalen Exilkubaner nicht aus, die von Miami aus zum Sturz von Fidel Castro aufrufen. Die Regierung weiß von Studenten wie Francisco, doch sie drückt ein Auge zu. Lesen dürfen die Kubaner im Internet vieles, nur politisch organisieren dürfen sie sich nicht.

Auch bei der Literaturstudentin Mirta González ging es glimpflich ab. Nach zwei Wochen Beratung entschied das Prüfungskomitee, ihre Arbeit doch anzunehmen.

* Namen von der Redaktion geändert

© beim Autor / DIE ZEIT 2000 Nr. 32, 3. August 2000

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