Berliner Zeitung: In Rampenlicht und Dunkelheit

Arbeitstage: Tänzerin

In Rampenlicht und Dunkelheit


Was macht eigentlich eine Tänzerin in einer New-Yorker Dance-Company den ganzen Tag?

von Markus Göbel

 Der Tag beginnt für Nandini Thomas um 8 Uhr mit einem großen "Om!". Meditation und Yoga sind für die 26-Jährige der Weg, um sich von den Strapazen des sechsstündigen Trainings am Vortag zu entspannen. "Mein Körper ist ein Instrument, das ich jeden Tag stimmen muss", sagt sie. 

Nandini ist von Beruf Tänzerin, ihr Arbeitgeber die Limón Dance Company in New York, die als eine der besten der Welt gilt. Die Deutsche mit ceylonesischem Vater stieß im April 1999 als Gasttänzerin dazu, nachdem sie eine vierjährige Bühnentänzer-Ausbildung an der Essener Folkwang-Schule beendet hatte und ein Stipendium des Kultusministeriums von Nordrhein-Westfalen erhielt. Heute muss sie ihr Instrument besonders gut stimmen, denn sie wirkt am Abend im berühmten Joyce Theater zum ersten Mal im Stück "The Winged" mit.

9 Uhr. Mit einer großen Tasche voll Kleidung macht sich Nandini auf den Weg. Sie wohnt in einem 10 Quadratmeter kleinen WG-Zimmer, das in einer üblen Zone von Brooklyn liegt und im Monat 800 Mark Miete kostet. Der 38er-Bus soll sie Richtung Downtown Brooklyn bringen, doch er wird auf halber Strecke gestoppt. Überall Polizisten, zwei Hubschrauber kreisen, Sirenen heulen. Es ist aber nur ein Protestmarsch, der sich schnell wieder auflöst. An der De Kalb Avenue steigt Nandini in die U-Bahn nach Soho und freut sich, als sie beim Überfahren der Manhattan Bridge die Freiheitsstatuesieht.

10 Uhr. Nandini erreicht den Sitz der Limón Dance Company am Broadway. Im Tanzstudio drängeln sich bereits 40 Kollegen vor dem Spiegel und folgen den Anweisungen von Tanzlehrerin Risa Steinberg. Die Tänzer kommen unter anderem aus Venezuela, Frankreich, China und den USA. Viele müssen nachts arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

13 Uhr. Nach einer halben Stunde Mittagspause sind nur noch die zwölf besten Tänzer im Studio, um sich für den Auftritt am Abend vorzubereiten. Im Stück "The Winged" geht es um Vögel. Die Chefin der Gruppe leitet die Tänzer penibel an. Alles muss synchron laufen und expressiv wirken, so dass der Zuschauer einen Schwarm Kraniche oder das Pferd Pegasus in den Bewegungen der Tänzer erkennt.

15 Uhr. Nandini nutzt die kurze Verschnaufpause, um Haarklammern zu kaufen und im Internetcafé E-Mails zu checken. Ihr Freund schreibt aus Berlin, dass er sie vermisst und viel Glück für den Auftritt wünscht.

17 Uhr. Ankunft im Joyce Theater. Noch drei Stunden bis zum Vorstellungsbeginn. In der Garderobe, die sie mit acht anderen Tänzerinnen teilt, findet Nandini einen großen Blumenstrauß, den eine Freundin geschickt hat. Der steigenden Spannung begegnet sie mit einem Ritual: Sie ordnet ihre Haarklammern, Schminke und Cremes auf dem Tisch. Danach geht sie zur Kostümbildnerin und prüft die Garderobe für den Abend. 

18 Uhr. Nandini prüft, wie glatt der Boden auf der Bühne ist, damit sie bei der Aufführung nicht ausrutscht. Um die Anspannung zu lindern, geht sie in den Ballettsaal hinter der Bühne und meditiert wie am Morgen. Dann wärmt sie sich an der Ballettstange auf. Später schminkt sie ihr Gesicht, damit sie vogelartig aussieht. 

20 Uhr. Die Aufführung beginnt, doch Nandini hat ihren Auftritt erst später. Sie wartet im Ballettsaal und geht ein letztes Mal mit den anderen Tänzern die Bewegungsabläufe durch. Gegen zehn Uhr ist Nandini an der Reihe. Sie geht raus auf die Bühne, wo die Tänzer umherlaufen und mit ihren imaginären Flügeln schlagen, bevor sie sich fallen lassen wie Wasservögel, die auf dem Meer landen. Nandini löst sich aus dem Tumult, fliegt und landet in der zweiten Reihe. Dann verwandelt sie sich in einen grazilen Flamingo, der mit langen Beinen über die Bühne stolziert. Nach einer halben Stunde fällt der Vorhang. Tosender Applaus. 

23 Uhr. Nandini mischt sich unter das Publikum der Premierenfeier. Es gibt Umarmungen und Küsse zum gelungenen Auftritt. Doch zu lange darf Nandini nicht feiern, weil sie morgen wieder sechs Stunden trainieren muss. Gegen Mitternacht fährt sie mit der U-Bahn zurück nach Brooklyn. Da es hier nachts gefährlich ist, macht sie einen Umweg, um nicht am dunklen Park vorbei zu müssen. Um möglichst unauffällig auszusehen, hat sie die Kapuze ihres Mantels übergezogen.

Der Beruf

Der Weg zum Berufstänzer ist lang. Er sollte möglichst früh mit einer Ausbildung in Ballett und modernem Tanz beginnen.

Für die Karriere empfiehlt sich ein Abschluss einer staatlichen Tanzschule. Die meisten bilden vorrangig Ballettänzer aus, die Folkwang-Hochschule in Essen konzentriert sich hingegen auf modernen Tanz. 

Gute Tänzer sind sehr begehrt und können sich ihre Engagements aussuchen. Weniger gute Tänzer arbeiten an kleineren Theatern. 

Wer Glück hat, bekommt einen Vertrag über zwei Jahre in einer Gruppe, der sich automatisch verlängert. Allerdings sind Anstellungen, die auf eine Produktion befristet sind, für viele Tänzer die Regel. 

Erscheinungsdatum: 11. Mai 2000

Original-URL des Artikels:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/jobjournal/_html/jobjournal0500/einsteigen6.html

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