Berliner Zeitung: Erst mal heimlich Probeliegen

Gründergeschichten – Bedhunter 

Erst mal heimlich Probeliegen

Zwei Berliner haben in ihren alten Jobs jede Menge Hotels kennen gelernt. Jetzt vermitteln sie die besten – übers Handy.

von Markus Göbel

Internet-Startups sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Beim Berliner Unternehmen Bedhunter etwa sitzen keine übernächtigten Studienabbrecher vor den Monitoren, es liegen keine leer gegessenen Pizzaschachteln auf dem Boden und während der Arbeit schallt auch keine Musik aus den Computerboxen. So war es während der Gründungswelle der vergangenen Jahre, als Firmen wie Alando starteten, die heute mit ihrem Erfolg Vorbilder für eine zweite Generation sind.

Bei Bedhunter dagegen herrscht Geschäftsatmosphäre: In dem zum Bürogebäude ausgebauten Hinterhaus in Prenzlauer Berg trägt man Krawatte, recherchiert still am Computer, und das Team wirkt im Durchschnitt deutlich älter als dreißig. 

Ein neuer Markt entsteht

Wundern tut einen all das nicht. Matthias Kose, einer der Chefs und Gründer von Bedhunter, war vorher Unternehmensberater bei der Unternehmensberatung A. T. Kearney, wo man normalerweise ein sechsstelliges Gehalt verdient. "Bei Startups ist mittlerweile fast immer ein Unternehmensberater dabei, weil die einfach das Know-how zum Gründen haben", sagt der 32-Jährige. Im vergangenen Jahr warf er seinen Job hin und gründete mit seinem Schulfreund Matthias Garke die Firma Bedhunter. Garke ist heute ebenfalls 32 Jahre alt und arbeitete früher als Hotelmanager. Für viel Geld richtete er etwa im First-Class-Hotel "Rotana" in Dubai Hochzeitspartys für 1 500 Personen aus.

Bedhunter betreibt seit der letzten Internationalen Tourismusbörse (ITB) einen Hotelbuchungsdienst per WAP-Handy. Mit diesen neuen Mobiltelefonen kann der Kunde auf die Webseite http://www.bedhunter.com surfen. Dort klickt er an, in welcher Stadt er übernachten will und nennt den Stadtteil, die Hotelkategorie und eine Preisgrenze. Die Eingabeprozedur soll nur dreieinhalb Minuten dauern und der Nutzer weiß danach sofort, in welchem Hotel ein Bett für ihn reserviert ist. Bedhunter vermittelt den Hotels die Gäste und kassiert dafür Provision. Und weil die Hotels durch die elektronische Buchung weniger Verwaltungsaufwand haben, sollen die Übernachtungen für die Gäste erheblich billiger sein.

"Auf der Cebit im Mai 1999 merkte ich, dass jetzt die Post im Mobile Commerce abgeht. Da wollte ich dabei sein", sagt Kose. Er hat erkannt, dass ein riesiger neuer Wachstumsmarkt entsteht, wenn Handy und Internet zusammenwachsen. Das Marktforschungsinstitut Giga Information Group rechnet damit, dass sich in zwei bis drei Jahren weltweit mehr Menschen über ihr Mobiltelefon ins Netz einwählen als über den heimischen PC. In Deutschland gibt es zur Zeit erst 150 000 WAP-Handys, bis zum Jahresende sollen es aber bereits eine Million sein. Die Telekom geht davon aus, dass der neue Markt für mobile Online-Anwendungen bis 2002 ein Umsatzvolumen von bis zu 60 Milliarden Mark erreicht. 

Ein Controller vom Adlon 

Und Bedhunter möchte ein möglichst großes Stück vom Kuchen abhaben. Die nächsten Ausbaustufen sind Kooperationen für die Vermittlung von Flugtickets und Mietwagen sowie die Vermittlung von Ausgehtipps. Auf der ITB schloss Bedhunter auch einen Vertrag mit dem Ticket-Händler Tiss und kann nun 30 Millionen Flugverbindungen von über 200 Gesellschaften vermitteln. Beim Stadtführer Starwap.com füllt Bedhunter die Unterkategorie "Hotels". 

Die Idee zu Bedhunter kam Kose, als er als Unternehmensberater viel reisen musste. Weil er oft auf den letzten Drücker sein Hotel buchen ließ, landete er manchmal in Absteigen, die zu teuer, zu laut oder zu ungemütlich waren. Genau dieses Problem will Bedhunter lösen, indem die Firma in jedem Stadtteil nur mit dem besten Hotel jeder Preiskategorie zusammenarbeitet. Damit es auch wirklich das beste Hotel ist, mieten sich Bedhunter-Mitarbeiter dort vorher incognito ein und prüfen den Service. "Die Hälfte unserer Mitarbeiter sind Hotelprofis und stammen von Firmen wie SAS Radisson, Arabella Sheraton oder Hyatt", sagt Kose. Den Controller seines Unternehmens hat er vom Berliner Hotel Adlon abgeworben. 

Weil Bedhunter bisher seine Werbekampagne noch nicht hat anlaufen lassen, ist davon auszugehen, dass das Unternehmen derzeit noch keine großen Umsätze erzielt. Genaue Zahlen will Matthias Kose nicht nennen. Noch nutzt die Firma ihre relative Unbekanntheit und werkelt in Ruhe an ihrem Auftritt. Bald soll man in allen großen deutschen Städten Bedhunter-Hotels buchen können. "Das schlimmste ist, wenn man zu früh Werbung macht und dann Kunden verprellt, weil sie nicht ordentlich buchen können oder wenn das System zusammenbricht", sagt Kose. 

Mit Erspartem gestartet

Eine ähnliche Zurückhaltung legt er auch im Umgang mit Investoren an den Tag. Nachdem die Bedhunter-Chefs Kose und Garke im Mai 1999 ihre Jobs gekündigt hatten, finanzierten sie neun Monate lang den Aufbau der Firma aus ihren Ersparnissen. Auch die Angestellten machten Abstriche beim Gehalt. "Je weiter der Aufbau der Firma vorangebracht ist, um so geringer ist der Anteil, den man dem Risikokapitalgeber überschreiben muss", sagt Kose zur Taktik. Denn die "Venture Capitalists", die häufig neu gegründete Unternehmen finanzieren, wollen Profit machen, indem sie einen großen Anteil an der Firma erwerben und ihn später mit hohem Gewinn verkaufen.

Bei der Auswahl des Risikokapitalgebers halfen Kose seine Erfahrungen als Unternehmensberater, da er früher selber Startups in Finanzierungsfragen betreut hat. Als Bedhunter im vergangenen Herbst seine Vorstellungstour bei den Financiers begann, wussten viele der Kapitalgeber mit der Geschäftsidee noch gar nichts anzufangen. Auf der ITB im Februar sagte dann einer, der damals kein Geld geben wollte: "Es war ein Fehler, euch abzulehnen." Da arbeitete Bedhunter bereits mit dem Investor Fort Knox Venture AG aus Köln zusammen. Weiteres Kapital bekam das Unternehmen durch einen Zuschuss der Technologie-Beteiligungs-Gesellschaft mbH, einer Tochter der Deutschen Ausgleichbank. 

Das Personalproblem haben Kose und Garke bisher elegant gelöst, obwohl es doch als größtes Problem der Internet-Branche gilt. Sie stellen in großem Umfang Freunde und Bekannte ein. So kannte beispielsweise Geschäftsführer Matthias Kose den Programmierer Hans-Werner Wirp noch vom Studium an der Technischen Universität Berlin. Wirp schaffte es wiederum, seinen Freund Burkard Mohr von der Bankgesellschaft Berlin wegzulocken. Der arbeitet heute sieben Tage pro Woche als Technikchef von Bedhunter. Sogar am Wochenende klinkt er sich per ISDN von zu Hause aus in den Unternehmensrechner ein. Er findet es nach eigenem Bekunden spannend, eine neue Firma vom Start weg mit aufzubauen. "Wenn alles schief geht, kann ich immer noch woanders hingehen", sagt Mohr lakonisch.

Doch ernsthaft rechnet damit bei Bedhunter zurzeit niemand. In drei Jahren will das Unternehmen erstmals einen Gewinn erwirtschaften und dann auch an die Börse gehen. Noch in diesem Jahr soll die Anzahl der festen Mitarbeiter auf 30 verdoppelt werden. Und seitdem Bedhunter mit Vorzugsaktien fürs Personal lockt, haben sich weitere befreundete Unternehmensberater als Mitarbeiter beworben. 

Auf einen Blick

Das Unternehmen: Bedhunter besteht seit letztem Jahr und hat seinen Sitz im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Auf der Internationalen Tourismusbörse im März hat sich die Firma erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Gründer: Bevor er sich selbstständig gemacht hat, war Matthias Kose Unternehmensberater. Sein Partner Matthias Garke arbeitete als Hotelmanager. Beide sind 32 Jahre alt und kennen sich noch von der Schule. 

Das Geschäft: Die Firma vermittelt Hotelbetten über internetfähige Mobiltelefone, so genannte WAP-Handys. Weil die Hotels auf diese Weise Kunden bekommen, zahlen sie Bedhunter eine Provision. 

Die Pläne: Zurzeit beschäftigt das Unternehmen 15 feste Mitarbeiter, Ende des Jahres sollen es 30 sein. Die ersten Gewinne werden in drei Jahren erwartet. Dann will Bedhunter auch an die Börse gehen. 

Bedhunter
Greifswalder Straße 207
10405 Berlin
Tel.: 030/47373-0
www.bedhunter.com

Erscheinungsdatum: 11. Mai 2000

Original-URL des Artikels:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/jobjournal/_html/jobjournal0500/gruenden3.html

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