Berliner Zeitung: Ein Semester an der katholischen Uni Lima

Studium im Ausland

Ein Semester an der katholischen Uni Lima

Ein, zwei Semester ins Ausland gehen? Klar, aber wohin? Im job!JOURNAL berichten Heimkehrer von ihren Erfahrungen. Der Betriebswirt Thomas Petersmann war ein halbes Jahr in Lima, der Hauptstadt Perus.

Das Studium: Ich habe ein Semester meines BWL-Hauptstudiums in Lima verbracht, wo ich nur an drei Seminaren teilnahm, weil ich vor allem das Land kennen lernen wollte. Danach konnte ich mir einen Schein in Allgemeiner Betriebswirtschaftslehre anrechnen lassen. In dem extrem verschulten System gibt es ständig Hausaufgaben und Referate, welche die Studenten in Gruppenarbeit erledigen. Beispielsweise entwickelten wir eine Exportstrategie für Macca, eine kartoffelartige Knolle aus Peru, die angeblich sogar gegen Krebs helfen soll.

Die Uni: Die Pontifica Universidád Católica del Perú ist eine der teuersten Universitäten des Landes. Je nach Einkommen der Eltern zahlen die Studenten 1 000 bis 8 000 Mark pro Semester. Das ist eine ganze Menge Geld in Peru, wo drei Viertel der Bevölkerung in Armut leben. Der Campus der Uni ist ein wunderbarer Park, der den ganzen Tag von Gärtnern gepflegt wird. Eigenartig erscheint das dünne Angebot der Bibliothek, wo es zu jedem Thema nur wenige Standardwerke gibt. Wer mehr wissen will, geht in der Bibliothek leer aus.

Die Professoren: Der Stoff wird von Privatdozenten vermittelt, die die Uni-Arbeit oft nur als Nebenjob machen. Mein Dozent für Strategische Planung etwa gab immer Abendkurse, weil er tagsüber als Manager beim Telefonkonzern Telefonica del Perú arbeitete. Das war zwar praxisnah, aber oberflächlich, weil er nur seine Lieblingstheorien erklärte. Negativ wirkt sich auch die schlechte Bezahlung der Dozenten aus. Ein Kommilitone, der einen mittleren Rang bei der Marine hatte, lud unseren Dozenten in einen Luxusclub für Militärs ein. Vielleicht hat nur er deswegen den Kurs bestanden.

Die Kommilitonen: Das ganze Leben spielt sich in der Cafeteria ab, wo man sich zum Quatschen trifft und die Gruppenarbeiten erledigt. Ständig durfte ich dort von meinem Stuhl aufspringen, weil ich neue Bekannte vorgestellt bekam. Das stört zwar die Arbeit, half aber beim Spanischlernen. Gewöhnen musste ich mich auch an die Unpünktlichkeit der Kommilitonen, bei denen eine Stunde Verspätung zum guten Ton zählt.

Die Stadt: Lima ist ein Moloch mit neun Millionen Einwohnern, die größtenteils in den Slums am Stadtrand leben. Die meisten Bezirke sollte man nicht ohne Begleitung aufsuchen, doch in den reicheren Vierteln wie San Isidro oder Miraflores kann es sehr schön sein.

Das Wetter: Der Sommer ist in Lima schwül-heiß und im Winter ist der Himmel grau wie ein Wischlappen. Während meine Kommilitonen bei 15 Grad Celsius mit Strickpullover und Handschuhen zur Uni kamen, trug ich T-Shirt.

Das Nachtleben: Discos sind teuer. Bis zu 30 US-Dollar kostet der Eintritt für zwei Personen. Deshalb bin ich lieber mit meinen Freunden in Bars im Künstlerviertel Barranco gegangen, wo das Bier in Zwei-Liter-Kannen serviert wird. Als ich Trinkgeld geben wollte, sagte mein Freund Antonio, dass ich es lieber ihm geben solle. So arm sind die Leute in Peru.

Und sonst: Salsa! Wer den Rhythmus mag, kann ihn überall hören: im Bus, auf der Straße, im Supermarkt. Wer nicht tanzen kann, sollte am Wochenende den Kennedy-Park im Ausgehviertel Miraflores meiden. Dort wird jeder Ausländer zum Tanz gezerrt und die johlende Meute macht sich über ihn lustig.

Die Pontifica Universidad Catolica

Die Católica in Lima wurde 1917 gegründet und ist damit die älteste Privatuniversität des Landes. 13 000 Studenten sind hier eingeschrieben.

Ausländische Studenten dürfen an der Hochschule höchstens zwei Semester studieren, in Ausnahmefällen werden vier Semester genehmigt.

Dabei dürfen die Ausländer höchstens drei Kurse pro Semester belegen, was zwischen 1 125 und 1 500 Dollar Studiengebühren kostet.

Erscheinungsdatum: 11. Mai 2000

Original-URL des Artikels:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/jobjournal/_html/jobjournal0500/studieren6.html

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