Berliner Zeitung: Berater für Bäcker, Klempner und Konzerne

Praxis im Studium – Das Wissen verkaufen

Berater für Bäcker, Klempner und Konzerne

Studentische Unternehmensberatungen wie das Berliner CCT können sich erfolgreich am Markt behaupten. Nach dem Examen finden die Aktiven oft problemlos einen Job.

von Markus Göbel

Der Job des Unternehmensberaters zählt zu den begehrtesten Berufen überhaupt. Es lockt ein bis zu sechsstelliges Gehalt und die hohe Wahrscheinlichkeit, über den Umweg einer großen Consulting-Firma auf attraktiven Posten bei anderen Unternehmen zu landen. An fast allen deutschen Universitäten haben deshalb Studenten in den vergangenen Jahren eigene Unternehmensberatungen gegründet, die als Sprungbrett zu den großen Häusern der Branche dienen sollen. Über 50 studentische Unternehmensberatungen bieten ihre Dienste bundesweit an, allein in Berlin und Potsdam gibt es vier davon.

Neben dem Company Consulting Team (CCT) an der TU sind dies Uniconsult von der Freien Universität, die eng mit dem Existenzgründer-Institut Berlin zusammenarbeiten, Uniclever in Potsdam sowie BCPro an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Ein weiterer TU-Verein, TUBUS, hat sich gerade mit CCT zusammengeschlossen. 

Vor dem großen Geldverdienen kommt allerdings die Plackerei. "Oft habe ich monatelang gar nichts verdient, außer Erfahrungen", sagt Ahmet Tombul (27), Vorsitzender des CCT. Neben seinem Studium der Betriebswirtschaft arbeitet er bis zu 20 Stunden pro Woche in der Beratung. In den zwei kleinen Büroräumen des CCT im so genannten "WIL-Gebäude" der Technischen Universität, Wilmersdorfer Straße 148, wuseln während der Bürozeit zwischen 10 und 12 Uhr die Jungberater durcheinander. Das Telefon klingelt häufig und trotz seiner lässigen Kleidung beantwortet Tombul jeden Anruf akkurat und smart, als ob er schon seit Jahren in der Branche arbeiten würde. Auf einer Wandtafel steht der Bearbeitungsstand der laufenden Aufträge. Von kleineren Projekte wie "Bäckerei" oder "Klempnerei" ist dort zu lesen. Aber auch von großen Namen wie Adtranz oder DaimlerChrysler.

Der Preis überzeugt die Kunden

Sigrid Markscheffel vom Hennigsdorfer Fahrzeugbau-Unternehmen Adtranz etwa hat mit den Studenten nur gute Erfahrungen gemacht: "Sie sind sehr engagiert und gehen unkonventionell an die Probleme heran", sagt sie. Für Adtranz hat das CCT untersucht, wo die Firma Kosten für Computer, Telefone und Handys einsparen kann. Da die Studenten für relativ wenig Geld gute Arbeit abgeliefert haben, hat die Firma auch akzeptiert, dass das CCT-Büro nur zwei Stunden pro Tag geöffnet ist und sich die Terminabsprache mit den Beratern relativ aufwändig gestaltet. Außerhalb der Öffnungszeit geht nur ein Anrufbeantworter ans Telefon, die Studenten müssen ja auch in ihre Vorlesungen. Als klassisches Verhältnis von Kunde zu Lieferant dürfe man die Sache nicht sehen, meint Markscheffel: "Eigentlich müssten die sich ja nach uns richten." 

Immer donnerstags um 18.30 Uhr treffen sich die CCT-Leute, um den Stand der Projekte zu besprechen und neue Studenten in die Arbeit einzuführen. Mitarbeiten können Studenten aller Fakultäten und Universitäten, die Lust dazu haben. "Wir machen keine Assessment-Center wie professionelle Unternehmensberatungen", sagt Alexander Horn (22), Psychologie-Student im vierten Semester und Vorstand des CCT.

Neueinsteiger arbeiten erst einmal im Büro mit, bevor sie auf die Kunden losgelassen werden. Nachdem sie mehrere Schulungen, beispielsweise in den Bereichen Projektmanagement, Informationstechnologie oder Produktpräsentation absolviert und außerdem in untergeordneter Position an einem Projekt für einen Kunden mitgearbeitet haben, können sie ordentliche Vereinsmitglieder des CCT werden. Das bedeutet nicht etwa, dass sie Mitgliedsbeitrag bezahlen müssen, sondern dass sie nun selber Projektteams leiten, Kunden akquirieren und die zukünftige Strategie des CCT mitbestimmen dürfen. Zurzeit hat das CCT knapp 30 Mitglieder und ungefähr ein Dutzend Anwärter auf die Mitgliedschaft.

Für ihre Beratungsleistungen nehmen die Studenten nur 40 Mark pro Stunde. Die professionellen Kollegen kosten ein Vielfaches davon. Doch wegen des Geldes arbeitet sowieso keiner bei CCT. Die Unternehmensberatung ist ein eingetragener Verein, der keinen Profit machen darf. Für die Dauer eines Beratungsprojektes gründen die Beteiligten eine Gesellschaft Bürgerlichen Rechts und spenden am Ende ein Viertel der Honorare an das CCT. Mehr als 1 000 Mark pro Monat sind für die Berater meistens nicht drin. Und wenn man die komplette Arbeitszeit mit einberechnet, bleibt am Ende ein Stundenlohn, der irgendwo zwischen einer und drei Mark liegt.

Nützlich für den Gegencheck

Große Firmen nutzen die billige Arbeitskraft der Studenten gern für Marktforschungen. Für Fragebögen zur Kundenzufriedenheit braucht es keine große Berufserfahrung und für komplizierte Strategie-Entscheidungen holen sich die Betriebe doch lieber Rat bei den Branchenriesen wie McKinsey oder Roland Berger.

Oder sie nutzen die billigen Studenten, um Arbeitsergebnisse der teureren Profi-Beratungen gegenzuchecken. So arbeitete das CCT drei Wochen in der Niederlassung eines großen Automobilzulieferers. Durch umfangreiche Mitarbeiterbefragungen erforschten sie die Abläufe in Verwaltung, Controlling und Finanzen des Betriebes. Nach 700 Arbeitsstunden erfuhren die Studenten bei der Präsentation der Ergebnisse, dass sie genau dasselbe herausgefunden hatten, wie eine parallel arbeitende Profi-Beratung in einer anderen Filiale.

Anders sieht es bei Mittelständlern aus. Für Manuela Roettger, Mit-Inhaberin der Kreuzberger "Brotgarten Vollkornbäckerei", war das Honorar ein wichtiges Kriterium. "Profi-Unternehmensberater kann sich unser kleiner Betrieb doch gar nicht leisten", sagt sie. Roettger war per Zufall auf einen Zeitungsartikel gestoßen, der sich mit studentischen Unternehmensberatungen befasste. Sie wandte sich daraufhin an das CCT. Die studentischen Berater nahmen sich mehrere Wochen Zeit, entwickelten einen Fragebogen und ließen ihn von 300 Kunden ausfüllen. Aus dem Umfrage-Ergebnissen entwickelten die Studenten ein Marketing-Konzept für die Bäckerei und ihre vier Filialen. Mit dem Ergebnis ist Roettger zufrieden: "Die haben vernünftige, bezahlbare Arbeit gemacht", sagt sie.

In ihrem jüngsten, abgeschlossenen Projekt haben sich die Leute von CCT mit dem Berliner Risikokapitalgeber "Founders Farm" befasst. Er wollte im Markt Fuß fassen und hatte auch genügend Geld, das er in junge Internetfirmen investieren wollte. Was fehlte, war aber ein stichhaltiger Kriterienkatalog, um im Bereich E-Commerce gute Geschäftsideen von schlechten unterscheiden zu können. Das CCT bildete eine vierköpfige Task Force unter dem 27-jährigen Wirtschaftsmathematik-Studenten Christian Zimmer, die innerhalb von zehn Tagen das neue Marktsegment durchleuchtete und ihre Empfehlungen abgab. Nachdem sie weltweit Datenbanken angezapft und Angestellte von erfolgreichen Internetfirmen per E-Mail oder persönlich interviewt hatten, empfahlen sie ihrem Kunden, sein Geld vorrangig in Internetfirmen zu stecken, die Plattformen für Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen betreiben. 

Damit alle CCT-Mitarbeiter immer auf dem neuesten Stand sind, gibt es pro Semester vier Schulungen. So verlangt es der Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen (BDSU), dessen Mitglied das CCT ist. Der BDSU versteht sich als eine Art Qualitätssicherung für die Branche, denn nur die besten Beratungen dürfen hinein. Um in den 1992 gegründeten Verband aufgenommen zu werden, müssen studentische Unternehmensberatungen mindestens ein Jahr lang warten. Dann müssen sie mindestens drei abgeschlossene Beratungsprojekte vorweisen können sowie von ihren Kunden zur Aufnahme empfohlen werden.

Studentische Unternehmensberatungen können eine lange Tradition vorweisen: Unter dem Label Junior Enterprise (JE) gründete sich 1967 an der französischen Eliteuniversität Essec die erste Initiative. Europaweit arbeiten heute mehr als 300 Beratungsinitiativen. Sie sind vernetzt in der Junior Association für Development in Europe (Jade), die in Brüssel ihren hauptamtlichen Vorstand hat.

Jade soll eine koordinierte Weiterentwicklung der studentischen Unternehmensberatungen ermöglichen und die länderübergreifende Zusammenarbeit einzelner Initiativen in Netzwerken fördern. Mit Hilfe von Jade können die Studenten auch internationale Projekte abwickeln. So unterstützte das CCT im Frühjahr 1998 eine neu gegründete polnische Initiative durch einen Workshop an der Warschauer School of Economics. Christian Zimmer vom CCT arbeitete auch schon für eine studentische Unternehmensberatung in Brasilien, wo Jade seine einzige Niederlassung außerhalb Europas hat.

 Studieren müssen sie auch noch

Das Engagement bei studentischen Unternehmensberatungen zahlt sich aus. Viele Kunden picken sich aus den Beraterteams der studentischen Unternehmensberatungen ihren Nachwuchs heraus. Michael Konias, ehemals CCT, landete nach einem erfolgreichen Projekt in der Research-and-Development-Abteilung von Adtranz. CCT-Vorstand Eike Tölle arbeitet heute ebenfalls bei Adtranz als IT-Vorstandsassistent. Sein Vorstandskollege Daniel Tisch verdient sich gerade seine Sporen als Praktikant bei Andersen Consulting, wo auch schon Marcus Schreyer, ehemals CCTler, mit 26 Jahren als Berater einstieg.

Doch mindestens ebenso wichtig wie die Erfahrung in der Unternehmensberatung ist immer noch ein guter Abschluss in einem Studium, das durch die Arbeit als Junior-Berater nicht zu sehr in die Länge gezogen werden darf. Deshalb arbeitet auch CCT-Vorsitzender Ahmet Tombul in den nächsten Monaten bei keinem Projekt als Berater mit. Er will Prioritäten setzen und sich zunächst voll aufs Lernen für das Seminar "Strategische Unternehmensplanung" konzentrieren. Und natürlich auf seine Hauptdiplom-Prüfung Ende Juli.

Erscheinungsdatum: 11. Mai 2000

Original-URL des Artikels:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/jobjournal/_html/jobjournal0500/studieren1.html

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