Berliner Zeitung: Bei der Regatta gekentert

Auswahlverfahren im Test – Gemini Consulting

Bei der Regatta gekentert

Um Assessment-Center zu überstehen, muss man wissen, was einen erwartet. Im job!JOURNAL erzählen Bewerber von ihren Erfahrungen. Diesmal vom Test der Beratungsfirma Gemini.

Eigentlich wollte ich immer Unternehmensberater werden. Schon in der Uni war ich Leiter der Marktforschung bei Oscar, einer studentischen Unternehmensberatung in Köln. Auf einem Rekrutierungstag für Beraternachwuchs bekam ich fünf kurze Vorstellungsgespräche: Bei den Firmen McKinsey, Booz Allen & Hamilton, Roland Berger, Mercer und bei Gemini. Am Anfang dachte ich noch, es sei schlau, die Veranstaltung zu besuchen. Später merkte ich, dass dort bereits eine Vorauswahl stattfand. Weil ich mich schlecht vorbereitet hatte, luden mich nur drei der fünf Unternehmensberatungen zu ihren internen Auswahltests ein. Eine von ihnen war Gemini, die ihre so genannte "Bewerber-Regatta" in München abhielt.

 Im Flugzeug lese ich noch einmal mein Vorbereitungsbuch, ohne das kein Auswahlseminar zu schaffen ist. Bei der anfänglichen Präsentationsrunde geht es scheinbar locker zu: Neun Bewerber sitzen um einen Tisch und jeder stellt sich fünf Minuten lang vor. Zu meinem Erstaunen sind auch Physiker, Mathematiker und Chemiker dabei. Dass die Vorstellungsrunde schon die erste Übung ist, merke ich, als die anderen perfekt einstudierte Präsentationen abspulen. Einer baut sogar einen Witz ein.

 Bei der anschließenden Gruppenarbeit geht es um mein Spezialthema Marktforschung. Ich würde am liebsten gleich die Matrizen mit unseren Strategie-Optionen aufzeichnen. Zuerst lasse ich die Gruppe durcheinander reden, um dann langsam die Führung zu übernehmen. Denn Gemini stellt zwar oft mehrere Leute aus einem Testseminar ein, aber hier geht es um Führungsqualitäten.

 Nach einer halben Stunde Diskussion sind unsere Ergebnisse nur mäßig, weil wir uns gegenseitig blockiert haben. Deshalb bin ich froh, dass ich die nächste Aufgabe alleine lösen soll: Eine Studie über einen Flughafen, für die ich 45 Minuten Zeit habe. Vor mir liegen ein Block, Stifte und ein Stapel englischsprachiger Unterlagen. Das meiste sind Zahlenkolonnen, deren Interpretation mir zum Glück leicht fällt. Nur wie soll der Flughafen den Umsatz steigern? Ich entscheide, den Frachtverkehr auszubauen, und ernte Wohlwollen bei den drei Beratern, denen ich meine Lösung präsentiere. Zwischendurch werde ich herausgerufen und muss ins Nachbarzimmer zum Rollenspiel: Ein Gemini-Angestellter spielt einen Berater, der zu viel auf Kundenkosten telefoniert hat. Weil der arme Kerl wegen seiner Auslandseinsätze kaum noch seine Familie sieht, verspreche ich ihm ein Handy auf Firmenkosten. Später wirft man mir vor, dass ich sein Fehlverhalten noch belohne. 

Beim Mittagsbüfett können wir uns mit den Beratern unterhalten. Alle wirken sehr sympathisch. Aber schon nach einer halben Stunde muss ich wieder zum Einzelgespräch. "Zwei mittelständische Unternehmen sind fusioniert, doch die Produktivität steigt nicht wie gewünscht", heißt das Thema, das mir eine sehr nette Beraterin stellt. Mehr sagt sie aber nicht, und ich muss durch Fragen herausfinden, dass die Chefs der Firmen sich nicht vertragen und das Unternehmen deshalb nicht vorankommt. Im Gespräch erstelle ich einen Lösungsplan mit Videokonferenzen und häufigen Treffen der Geschäftsführer, damit der Umsatz der Firma steigt. 

Am Ende des Tages gibt es ein Feedback. Wer heute gut abgeschnitten hat, ist aber noch längst nicht genommen, denn es folgt noch ein Vorstellungsgespräch beim Chef. "Schade! Leider können wir Ihnen heute kein Angebot machen", sagt man mir höflich. Mit der Zeit merke ich, dass Unternehmensberater vielleicht doch kein Job für mich ist. Denn ich sehe, wie schwer mir die nötige Selbstdarstellung fällt.

(Protokoll: Markus Göbel)

Berater werden

Gemini Consulting gehört mit mehr als 1 900 Beratern in über 28 Büros auf fünf Kontinenten zu den größten Unternehmensberatungen der Welt. 

In Deutschland arbeiten rund 430 Berater in den Niederlassungen in Bad Homburg, Berlin, Köln und München. 

Der Umsatz im Inland lag im vorletzten Jahr bei etwa 320 Millionen Mark. Gemini war damit Branchendritter nach McKinsey und Roland Berger. 

Kontaktadresse: Gemini Consulting, Palais am Lenbachplatz, Ottostraße 4, 80333 München, Tel.: 089/55196-0 (für Praktikanten und Absolventen).

Internet: www.gemini-consulting.de

Erscheinungsdatum: 27. Januar 2000

Original-URL des Artikels:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2000/0127/jobjournal/0033/index.html

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